Vierfach Oscar-nominierte Ballade über einen Holzfäller, der hart für sich und seine Familie arbeitet, nur um vom Schicksal ein Schnippchen geschlagen zu bekommen. Feinfühlig inszenierte und stark gespielte Charakterstudie.

„Train Dreams“ ist ein Titel, der den meisten Filmfans bis vor der Bekanntgabe der Oscar-Nominierungen Ende Januar noch gar nicht geläufig gewesen sein dürfte. Uraufgeführt letzten Januar auf dem „Sundance Film Festival“, wurde der Film von „Netflix“ gekauft, mit einem kleinen Kinostart in vereinzelten Arthouse-Kinos bedacht, um sich für die Preisverleihungen zu qualifizieren. Mittlerweile ist das melancholische Drama im Streaming-Angebot und wartet darauf, von aufgeschlossenen Cineasten entdeckt zu werden. Und glaubt mir, der Film ist seine vier Oscar-Nennungen, darunter auch für den besten Film, durchaus würdig. Regie führte Clint Bentley, der als Autor im vergangenen Jahr einen ähnlichen Sleeper-Hit mit dem starken Gefängnis-Drama „Sing Sing“ landen konnte, für den er eine Nominierung fürs beste adaptierte Drehbuch erhielt. „Train Dreams“ ist seine zweite Regiearbeit nach dem Reiter-Drama „Jockey“. An all diesen Filmen war Greg Kwedar als Ko-Autor beteiligt.
Der Film schildert das einfache, aber bewegte Leben eines Holzfällers in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Robert Grainier, ein Waisenjunge, der seine leiblichen Eltern nie kennengelernt hat, bricht die Schule ab und führt einige Jahre ein unauffälliges Dasein. Dann lernt er Gladys (Felicity Jones) kennen. Die beiden verlieben sich schnell ineinander, heiraten, und bekommen eine Tochter, Kate. Während Gladys und Kate zuhause in ihrer einfachen Hütte leben, ist Robert monatelang in den Wäldern Idahos, wo er bei dem Bau der Eisenbahnstrecke mithilft. Er wird Zeuge eines rassistischen Vorfalls, der ihn noch Jahre später beschäftigt. Robert freundet sich auch mit dem älteren Holzfäller Arn (William H. Macy) an. Die lange Abwesenheit von Frau und Kind setzt der Familie aber sehr zu, und sie beschließen, von dem erwirtschafteten Geld ein Sägewerk zu bauen, damit Robert bei ihnen bleiben kann. Die wirtschaftliche Situation in den USA nach dem ersten Weltkrieg macht dies aber ungemein schwierig. Und das Schicksal meint es nicht gut mit ihm.

Ein wenig erinnert mich die Geschichte an ein anderes Drama über einen Mann, der über viele Jahre hinweg hart gearbeitet hat und mit einigen Schicksalsschlägen fertigwerden muss: „Ein einfaches Leben“ von Hans Steinbichler nach dem Bestseller von Robert Seethaler. Auch „Train Dreams“ hat eine literarische Vorlage, eine gleichnamige Novelle von Denis Johnson. Er ist atmosphärisch inszeniert, mit einer großartigen Kamera, für die Adolpho Veloso ebenfalls verdient für einen Oscar nominiert wurde. Der Film profitiert von einer ruhigen Erzählweise, die nie ins Sentimentale abdriftet und Roberts Leben nicht mehr Bedeutung gibt, als ihm wirklich zusteht. Es ist diese Bescheidenheit, die es mir leicht macht, mit der Hauptfigur mitzufühlen.
Eine Ballade für einen einfachen Mann, lebt und atmet der Film durch die Performance seines Hauptdarstellers, und Joel Edgerton, der schon seit vielen Jahren ein verlässlicher Charakterdarsteller mit vielseitigem Rollenportfolio ist, liefert hier eine weitere nachhaltig beeindruckende Kostprobe seines Schauspieltalents ab. Die ruhige Erzählweise kommt ihm dabei ganz besonders zugute, denn sie erlaubt es ihm, eine Intensität auf den Bildschirm zu zaubern, die wirkt. Dadurch entsteht eine Intensität, die nicht unbedingt tiefgründig sein muss, seiner Figur aber dennoch eine dreidimensionale Facette gibt. An seiner Seite agieren, mit wenig Spielzeit, Felicity Jones als seine Ehefrau Gladys, der gestandene Charakterkopf William H. Macy, der ein paar Szenen stiehlt, und Kerry Condon, die, obwohl sie in nur zwei Szenen vorkommt, ebenfalls eine interessante Geschichte zu erzählen hat.

An und für sich ist „Train Dreams“, ähnlich wie etwa „Nickel Boys“ und auch „Sing Sing“ im Vorjahr, kein Film zum Wohlfühlen. Er schafft es aber dennoch, einen mit einem zumindest kathartischen Gefühl zu entlassen. Dann nämlich, wenn es Robert auf seine alten Tage, während des „Space Race“ der 1960er Jahre, in einem Flugzeug in die Lüfte verschlägt, während der Erzähler des Films, Charakterschauspieler Will Patton, erklärt, dass sich Robert in diesem Moment mit allem verbunden fühlt. Dann erinnert uns der Film daran, dass auch wir miteinander verbunden sind, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Wertung: drei von vier Sternen!
Trailer: