Eine Übung in Trauerbewältigung und künstlerischer Erhaltung. Dieser Film schildert auf fiktionale Weise, wie William Shakespeare die dunkelste Stunde seines Lebens zu einem seiner größten Triumphe inspirierte. Nominiert für acht Oscars.

Nichts ist für die Ewigkeit. Unser Leben und das unserer Familie und Freunden schon gar nicht. Früher oder später werden wir alle mit dem einen oder anderen Verlust konfrontiert, der uns ganz besonders hart trifft. Nur, wie sollen wir damit umgehen, wenn ein geliebter Mensch – oder auch Tier – nicht mehr da ist, und wir dessen Präsenz nicht mehr länger spüren können? Der Tod gehört nun einmal zum Leben dazu, und er ist das wohl schwerste, was man durchstehen muss. In der Kunst findet man oft Mittel und Wege, sich mit dem Schicksal auseinanderzusetzen und auf eine gestalterische oder spielerische Art und Weise mit dem Verlust fertigzuwerden.
Viele Künstlerinnen und Künstler haben so einschneidende Erlebnisse in ihrer Leben verarbeitet. Nahezu jeder Pop- und Rockstar hat mindestens einen Song in seinem Repertoire, der direkt oder indirekt einer geliebten Person gewidmet ist, die er oder sie verloren hat. Maler zeichnen Portraits. Architekten entwerfen ein Mausoleum, wo sie ihre Verblichenen bestatten – weltberühmt ist das „Taj Mahal“ in Indien. Und dann da sind natürlich noch Dichter. Und der wahrscheinlich größte von allen war William Shakespeare. Der 1564 geborene und 1616 verstorbene Dramatiker und Dichter hat nicht nur die internationale Theaterszene maßgeblich mit seinen Werken geprägt, sondern auch die englische Sprache mit seinen Worterfindungen ungemein bereichert. Seine Stücke, ob Komödien oder Tragödien, sie sind aus der Popkultur einfach nicht wegzudenken. Wie oft haben zeitgenössische Künstler den Barden direkt oder indirekt zitiert?

Über Shakespeares Leben selbst kann man hingegen bisweilen nur mutmaßen. Wie soll man den Mann hinter den überlebensgroßen Stücken verstehen? Wie lässt sich sein Werk autobiografisch einordnen? Und dann gibt es seit Jahrhunderten auch noch die hartnäckige Verschwörungstheorie, Shakespeare habe seine Werke gar nicht selbst geschrieben oder zumindest nicht allein. Shakespeare gilt als einer der meistverfilmten Dramatiker der Geschichte, und im Laufe der Zeit gab es auch Filme über Shakespeare und seine Ära selbst. Man erinnert sich vermutlich schnell an die leichtfüßige romantische Komödie „Shakespeare in Love“ (1998) mit Joseph Fiennes, Gwyneth Paltrow und Judi Dench, in dem er auf ganz unkonventionelle Weise zu „Romeo und Julia“ inspiriert wird. Reine Fiktion, versteht sich. Das Leben soll die Kunst imitieren.
Nun haben wir also „Hamnet“. Ein Film, der Shakespeares Familie mehr in den Mittelpunkt der Handlung stellt. Wir treffen zuerst seine spätere Ehefrau, Agnes Hathaway (Jessie Buckley), oft auch nur Anne genannt, in den Wäldern Stratfords, der nachgesagt wird, die Tochter einer Waldhexe zu sein. William (Paul Mescal), der die Kinder ihrer Familie in Latein unterrichtet, um die Schulden seines Vaters John (David Wilmot) zu begleichen, verliebt sich in sie. Agnes wird schwanger, und die beiden heiraten, trotz der Proteste seiner Familie. Nach Tochter Susanna (Bodhi Rae Breathnach), die Agnes noch im Wald gebärt, bekommen sie und William noch Zwillinge: während Hamnet (Jacobi Jupe) gesund zur Welt kommt, droht seine Schwester Judith (Olivia Lynes) nur wenige Minuten nach der Entbindung zu sterben. Ein Wunder geschieht, und sie überlebt. Doch Agnes kann ihre Vision, dass nur zwei Kinder an ihrem Sterbebett sein werden, nicht vergessen. Auf Anraten Agnes‘ und ihres verständnisvollen Bruders Bartholomew (Joe Alwyn) geht William nach London und macht sich am „Globe Theatre“ endlich einen Namen. Seine Abwesenheit wird für die Familie zu einer schweren Belastungsprobe, besonders dann, als Judith an der Pestilenz erkrankt, dann aber Hamnet daran stirbt. Von Trauer übermannt, schreibt William eine Jahrtausendtragödie.

Viel wurde darüber geschrieben, wie ergreifend und emotional Chloé Zhao den 2020 erschienen Roman von Maggie O’Farrell, die selbst am Drehbuch mitgeschrieben hat, auf die Leinwand adaptiert. Und es ist keine Untertreibung. „Hamnet“ ufert nie ins Sentimentale aus, es gibt keine minutenlangen Monologe, in denen sich Figuren ihren Frust und ihren Schmerz von der Seele reden, und das braucht es auch gar nicht. Das ist hier ist trotzdem, oder vielleicht sogar deswegen, großes Schauspielkino. Was Jessie Buckley, Paul Mescal und Jungschauspieler Jacobi Jupe hier zeigen, ist schlichtweg meisterlich. Besonders Hamnets Tod in der Mitte des Films ist herzzerreißend gespielt und nimmt einem buchstäblich den Atem weg. Und wenn dann Hamnets Bühnensurrogat, in einem genialen Besetzungstwist von Jacobis großem Bruder Noah Jupe gespielt, seinen ersten von zahllosen umjubelten Bühnentoden stirbt – unterlegt zu Max Richters unvergänglichem Tränendrüsendrücker „On the Nature of Daylight“ – dann wird es noch einmal richtig traurig. So aufwühlend und bewegend wie „Hamnet“ geht Kino dieser Tage kaum noch.
Zhao demonstriert eindrucksvoll, wie die Kunst alle Zeiten überdauern und einen schmerzhaften Verlust in etwas Majestätisches transformieren kann. Wie William Shakespeare – in ihrer Vision – über sich hinauswächst und seinem Sohn das gibt, was er zeitlebens nie erreicht hat, und damit in der Geschichte verewigt wird, ist ungemein inspirierend. Besonders wenn man selbst kreativ ist. „Hamnet“ zeigt, dass der Tod zwar die physische Präsenz eines lieben Menschen nimmt, aber nicht dessen Erinnerung und Einfluss. Dass auch nach den dunkelsten Stunden, wenn man diese übersteht, noch etwas übrig bleibt. Der Film zeigt auch, wie wichtig es ist, an diesen Erinnerungen festzuhalten, aber nicht um darüber in Trauer um das zu versinken, was man verloren hat, sondern um das zu zelebrieren und in Ehren zu halten, was davon unvergänglich bleibt.

Zhao schafft mit „Hamnet“ ein schmerzhaftes wie kraftvolles, bedrückendes wie aufheiterndes Meisterwerk über die Sterblichkeit des Menschen und die Unsterblichkeit der Kunst. Dank dreier überragender zentraler Performances brennt er sich ins Gedächtnis ein, rührt zu Tränen, und gibt trotzdem Trost und Hoffnung. Bravo!
Wertung: vier von vier Sternen!
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