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Was tun, wenn man nach 25 Dienstjahren von seinem Arbeitgeber vor die Tür gesetzt wird und die Konkurrenz am Arbeitsmarkt zu groß ist, um auf seine alten Tage noch einmal neu durchzustarten? Park Chan-wook liefert dazu eine unterhaltsame Antwort.

© 2025 CJ ENM, Filmladen. Alle Rechte vorbehalten.

Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut! Eine Binsenweisheit, die wir in den letzten Jahren alle am eigenen Leib erfahren durften, im guten wie im schlechten. Denn, seien wir mal ehrlich, der Wirtschaft geht es momentan überhaupt nicht gut und viele von uns haben größte Mühe, sich überhaupt noch über Wasser halten zu können. Konstant hohe Inflation, steigende Preise für essentielle Waren und Lebensmittel, unverschämt hohe Energiekosten: wo soll man da noch sparen können, um sein eigenes Wohl und das seiner Familie zufriedenzustellen? Die Zeiten sind hart, so einfach ist das.

Da trifft es sich gerade besonders gut, dass der südkoreanische Starrregisseur Park Chan-wook ausgerechnet jetzt sein großes Traumprojekt umsetzen durfte, nämlich eine Adaption des Romans „The Ax“ des amerikanischen Schriftstellers Donald E. Westlake. Dieser verarbeitete die oftmals ernüchternde Jobsuche 1997 im Genre des Horrorthrillers. Bereits vor zwanzig Jahren machte sich der griechisch-französische Auteur Costa-Gavras mit „The Axe“ – ja, er fügt dem Namen ein „e“ hinzu – an eine filmische Übersetzung. Nun, nach 16 Jahren Entwicklung, bringt Park seine bitterböse Vision heraus.

© 2025 CJ ENM, Filmladen. Alle Rechte vorbehalten.

Lee Byung-hun spielt Yoo Man-soo, dessen Papierverarbeitungsfirma von amerikanischen Investoren aufgekauft wird. Um die Produktionskosten drastisch zu senken, wird auch Man-soos Stelle gestrichen, obwohl der gut situierte Familienvater ein Vierteljahrhundert seines Lebens dem Unternehmen gewidmet hat. Die plötzliche Arbeitslosigkeit des Vaters trifft die Familie – Frau Mi-ri (Son Ye-jin) und die beiden Kinder – hart. Die beiden Familienhunde müssen weggegeben werden, weil das Geld gerade mal für die Vier noch reichen muss. Und auch das Netflix-Abo wird gekillt, sodass der Sohn schnell noch eine neue Serie bingen kann, bevor es mit dem Streaming ein Ende hat. Die Tochter ist ein begabtes musikalisches Wunderkind, benötigt aber eine hochwertige Geige, um das Instrument in seiner ganzen Virtuosität beherrschen zu können und damit Karriere zu machen. Man-soo ist überzeugt, mit seiner Expertise und Berufserfahrung in wenigen Monaten eine neue Stelle finden zu können, unterschätzt aber die kompetitive Situation am Arbeitsmarkt. Ein Vorstellungsgespräch bei einem anderen Papierunternehmen bei grellem Sonnenlicht wird für Man-soo zur ultimativen Demütigung. Als er erfährt, dass neben ihm noch fünf weitere aussichtsreiche Kandidaten im Rennen um den so verzweifelt angestrebten Job stehen, sieht er sich zu drastischen Methoden gezwungen, um sich durchzusetzen – und wenn er dafür buchstäblich über Leichen gehen muss.

Park erzählt die Geschichte mit dem für ihn gewohnten visuellen Flair, die Kamera von Kim Woo-hyung unternimmt einige beeindruckende Fahrten, etwa durch das beachtliche Anwesen von Man-soo und seiner Familie. Auch demonstriert der Film einmal mehr die Bildgewalt, die das südkoreanische Kino seit Jahren zu bieten hat. Dass selbst ein Thriller über einen verzweifelten Arbeitslosen mit vielen schönen Bildern aufwarten kann, ist das beste Beispiel dafür. Man wird nicht daran vorbeikommen, den Film mit einer anderen äußerst bissigen Sozialsatire aus Südkorea zu vergleichen, nämlich „Gisaengchung (Parasite)“, der meisterhaften schwarzen Komödie, mit der Parks Landsmann Bong Joon-ho vor sechs Jahren Kinogeschichte schrieb und als erster nicht-englischsprachiger Film den Oscar für den besten Film gewann. Ganz so clever wie Bongs und Ko-Autor Han Jin-wons ebenfalls prämiertes Originaldrehbuch ist das Skript von Park, Don McKellar, Lee Kyoung-mi und Lee Ja-hye nicht, das wäre aber ein Vergleich auf hohem Niveau. Auch schweift die Dramaturgie von „Eojjeol Suga Eopda“ doch mehr ab.

© 2025 CJ ENM, Filmladen. Alle Rechte vorbehalten.

Im Zentrum des Films steht die philosophische Frage „Heiligt der Zweck die Mittel?“ Nun, wer schon einmal in der unangenehmen Situation stecken musste, sich mit einer Vielzahl an qualifizierten Kandidaten um einen lukrativen Job zu streiten, der wird sich dieses von Westlake entworfenes und nun auch von Park bebildertes Szenario sicher zumindest schon einmal grob ausgemalt haben. Als beißende Kritik am oftmals menschenunwürdigen Arbeitsmarkt, indem Personalien gehandelt werden wie Lebensmittel im Einzelhandel, funktioniert „Eojjeol Suga Eopda“ wirklich gut. Vor allem auch dank der satirischen Überzeichnung. Die Hauptfigur hat in der Papierindustrie Karriere gemacht, wo doch die Papiererzeugung nur durch systematische und großflächige Rodung unserer kostbaren Wälder möglich ist, die wiederum den Planeten gefährdet. Man-soo verliert zwar seinen Job, aber nicht sein Haus oder den Rückhalt von Frau und Kindern, fühlt sich aber dennoch entmännlicht, degradiert und beleidigt. Der Job ist für Man-soo viel mehr als ein Mittel zur Erhaltung seines Lebens und das seiner Familie. Er hat seinen Status verloren. Es geht dabei aber weniger um den Lebenssinn als vielmehr um die Position, die er in der Berufswelt und der Gesellschaft einnimmt. Leitender Angestellter in einer Firma hört sich allemal besser an als einfacher Mitarbeiter oder gar Jobsuchender.

Park gelingt wieder einmal ein ausgesprochen unterhaltsamer und mit viel trockenem Humor durchzogener Film. Lee Byung-hun erweist sich dabei als fähiger und spielfreudiger Protagonist, der die sichtbare Verzweiflung seines eitlen Man-soo und dessen slapstickartige Unbeholfenheit, wenn es um die Ausschaltung seiner unliebsamen Konkurrenz geht, hervorragend spielt. Er stattet seinen Charakter, der schon von vornherein viel Identifikationspotenzial besitzt, mit viel Sympathie aus, die das Publikum, trotz seiner vielen fragwürdigen Entscheidungen, auf seine Seite zieht. Eine gelungene Satire funktioniert nur mit der richtigen Dosis an schwarzem Humor und Lee trägt sehr viel zum Gelingen bei, besonders im Zusammenspiel mit seinen Filmopfern.

© 2025 CJ ENM, Filmladen. Alle Rechte vorbehalten.

Auch wenn der Film mit seinen 139 Minuten doch eine Spur zu lang geraten ist, so ist er dennoch keine Minute langweilig und Park Chan-wook und sein Hauptdarsteller Lee Byung-hun nehmen ihr Publikum auf ein irrwitziges, brachiales und spannendes Moralitätenspiel mit, in dem sie die zunehmende Entmenschlichung am Arbeitsmarkt und ihre abgründigen Konsequenzen bissig aufs Korn nehmen. Wenn Man-soo bei der Jagd nach seinem Traumjob buchstäblich über Leichen geht – eine ethische Gratwanderung, die dank Parks stilsicherer Inszenierung aufgeht – dann bleibt einem oft das Lachen im Hals stecken.

Wertung: dreieinhalb von vier Sternen!

Trailer:

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