Es ist längst eine liebgewordene Tradition, dass die Viennale einen Film programmiert, von dem man vorher nichts weiß. Welches Werk dieses Jahr heimlich still und leise gezeigt wurde und ob es sich gelohnt hat.
Sonntag, 26. Oktober 2025. Es ist Nationalfeiertag, und zahlreiche Einheimische und Touristen sind in Wien unterwegs. Vor dem Gartenbaukino versammelt sich gegen 15:00 Uhr eine große cinephile Menschenmenge. Sie alle treibt eine Frage um: welchen Film werden wir gleich sehen? Denn, das weiß leider keiner. Bis auf wenige eingeweihte Kino- und Festivalmitarbeiter eben. Dann, kurz nach 15:30 Uhr, der Saal rappelvoll, betritt Direktorin Eva Sangiorgi die Bühne. Applaus. Wie jedes Jahr hält sie sich mit Informationen zum folgenden Film bedeckt. Nur die Laufzeit enthüllt sie im Vorhinein, um das Publikum auf etwaige zeitliche Formalitäten vorzubereiten. 126 Minuten dauert der Film.

Ein Überraschungsfilm ist immer etwas Besonderes. Normalerweise setze ich mich ins Kino, wohlwissend, was mich da gleich erwartet. Ich wiege mich in Sicherheit, habe meine Auswahl getroffen und freue mich dementsprechend auf zwei Stunden Unterhaltung – plus minus je nach epischer Ausschweifung. Ich habe die vollständige Kontrolle über den Nachmittag. Nicht so hier: ich muss blind darauf vertrauen, dass das, was Signora Sangiorgi da kuratiert hat, auch meinen hohen Ansprüchen genügt, und so gehören die Minuten, die auf ihren Auftritt folgen, mit zu den spannendsten des gesamten Festivals. Die Anspannung ist spürbar, ähnlich dem Leser dieser Zeilen, der sich vielleicht schon genervt von meinen ausschmückenden Beschreibungen zeigt. Aber, geschätzter Leser, bleiben Sie dran… Das Licht geht aus, das Viennale-Intro erleuchtet 736 atemlose Kinogäste. Dann – das Universal Pictures-Intro. Ich weiß, dass es sich um eine englischsprachige Produktion handelt. Dann – „Focus Features“. Eine leise Hoffnung in mir, ich stammle „Hamnet“? Diese zerschlägt sich, als das Logo von „Plan B Entertainment“ aufblitzt, die Produktionsfirma von Brad Pitt. Aber meine Vorfreude ist nach wie vor groß. Und nach einer animierten Eröffnungsszene mit Zeichnungen, in denen die irische – erst dachte ich an die italienische – und die britische Fahne, unterlegt mit atmosphärischer, ins Ohr gehender Musik, gezeigt werden, und Bildern eines malerischen Waldes aus der Vogelperspektive, weiß ich, auf was ich mich da eingelassen habe.
Eva Sangiorgi hat mir ein Wiedersehen mit einem meiner Lieblingsschauspieler ermöglicht. Und allein dafür gebührt ihr schon große Anerkennung. Acht lange Jahre hat er sich von der Schauspielerei verabschiedet, und gerade als es den Anschein machte, dass er es diesmal mit dem Ruhestand wirklich ernst meint, kehrt der vielleicht beste Schauspieler der Kinogeschichte mit einem Knall zurück. Drei Oscars als bester Hauptdarsteller hat bis heute kein männlicher Akteur gewonnen. Das Wiedersehen mit Daniel Day-Lewis, es ist ein emotionales, vielleicht nicht nur für mich. Und „Anemone“, das Regiedebüt seines Sohns, Ronan Day-Lewis, der in die Fußstapfen seiner Mutter, Rebecca Miller, tritt, ist ein Eventfilm, nicht nur aufgrund des epochalen Comebacks in dessen Zentrum.

Daniel, der mit Ronan auch das Drehbuch schrieb, spielt Ray Stoker, einen Eremiten, der in den tiefen nordenglischen Wäldern ein jämmerliches Dasein fristet. Er wird von seinem entfremdeten Bruder Jem (Sean Bean) aufgesucht, der Ray überreden will, in die Zivilisation, genauer gesagt zu seiner Familie, zurückzukehren. Rays Sohn Brian (Samuel Bottomley) ist aufgrund eines gewalttätigen Zwischenfalls von der Armee suspendiert worden, und Brians Mutter Nessa (Samantha Morton) weiß nicht mehr weiter. Jem, der in Rays Abwesenheit mit Nessa zusammengekommen ist und die Familie zusammenhält, auch nicht. Doch Ray ist nicht so leicht beizukommen. Er ist, anfangs zumindest, äußerst wortkarg, und wenn er mal in Erzähllaune ist, schildert er eine obszöne Begegnung mit einem Priester, der ihn als Jugendlicher missbraucht hatte. Überhaupt hat Ray so einige Dämonen, mit denen er scheinbar nicht fertigwerden kann, und die ihn in die Einsamkeit der Wälder getrieben hat. Traumata, die bis in die „Troubles“ in Nordirland zurückreichen, in denen er kämpfen musste.
Eine emotional aufgeladene Familienzusammenführung mit drei Titanen des britischen Kinos setzt Ronan Day-Lewis da dem Publikum in seiner ersten Regiearbeit vor. Die Handlung ist recht dünn gehalten, in diesen 126 Minuten passiert nicht wirklich viel. Das gibt aber wiederum den Schauspielern den Raum, ihre Figuren auszuloten und in seelische Abgründe zu führen, und das tun sie mit viel Finesse. Ich hätte mir nie gedacht, Daniel Day-Lewis und Sean Bean einmal als ungleiches Brüderpaar zu sehen, und die beiden Veteranen spielen sich hier regelrecht in einen Rausch. Jeder Dialog, jeder Monolog von einem der beiden, ist faszinierend, und wird durch deren wuchtige emotionale Präsenz angehoben. Morton als einzige Frau im Ensemble steht ihren gestandenen Kollegen in nichts nach. Dass der Film mehr wie ein Theaterstück anmutet als ein Spielfilm, hindert Ronan nicht daran, ein bildgewaltiges Kammerstück auf die Leinwand zu zaubern. Die düsteren, aber dennoch wunderschönen Bilder werden von einem fantastischen Score des Komponisten Bobby Krlic untermalt, der dem Film eine einzigartig dunkle Atmosphäre verleiht. Für mich einer der besten Soundtracks des Jahres und absolut preisverdächtig.

Viele werden „Anemone“ als sperrig und nicht leicht bekömmlich abkanzeln, und das ist ausgesprochen schade. Denn der Film bietet gerade in seiner Kargheit eine schöne Ästhetik, in der ich mich gerne verliere. Und es ist ein Werk, dessen Themen der Schuld, der Vergangenheitsbewältigung, des Umgangs mit Kriegen und deren Verbrechen und ihre Auswirkungen auf Familien nicht nur aktuell sind, sondern vielmehr zeitlos.
Überragend gespielt, ist „Anemone“, trotz kleiner narrativen Schwächen, ein vielversprechendes Debüt eines jungen Filmemachers. Und die Rückkehr einer der größten Schauspiellegenden des gegenwärtigen Weltkinos hätte zu keinem besseren Zeitpunkt passieren können. Willkommen zurück, Sir Daniel Day-Lewis, ich habe Sie vermisst! Überraschung geglückt, kann man da nur sagen…
Wertung: dreieinhalb von vier Sternen!
Trailer: