Am Lido geben sich wieder die großen Filmstars die Klinke in die Hand. Wer kommt heuer nach Venedig und auf welche Highlights dürfen sich Cineasten im hoffentlich heißen Kinoherbst freuen?

Der Startschuss zur kommenden Award-Saison fällt hier, so viel ist schon einmal sicher. Festivaldirektor Alberto Barbera hat für die diesjährige Ausgabe ein Line-Up zusammengestellt, dass einem schwindlig werden könnte. Der Hauptwettbewerb ist nur so gespickt von starbesetzten Studioproduktionen, Hollywood ist mit einer breit aufgestellten Phalanx vertreten. Die ehrenvolle Aufgabe, über die Preisträger zu entscheiden, übernimmt wie jedes Jahr eine internationale Jury aus Filmschaffenden. Den Vorsitz hat 2025 der amerikanische Indie-Regisseur Alexander Payne inne. Im Laufe seiner Karriere gewann er zwei Oscars für die Drehbuchadaptionen von „Sideways“ (2004) und „The Descendants“ (2011), die ihm beide auch Regie-Nominierungen einbrachten sowie für letzteren eine für den besten Film. Weitere Nominierungen erhielt er für „Election“ (1999, Drehbuch) und „Nebraska“ (2013, Regie). Zuletzt brachte er 2023 die brillante weihnachtliche Tragikomödie „The Holdovers“ mit Paul Giamatti und Da’Vine Joy Randolph in die Kinos. Ihm zur Seite stehen die brasilianische Schauspielerin Fernanda Torres, die letztes Jahr mit „Ainda Estou Aqui (I’m Still Here)“ auch in Venedig für Furore sorgte; die italienische Regisseurin Maura Delpero, 2024 in Venedig mit „Vermiglio“ die Gewinnerin des Großen Preises der Jury; Mohammad Rasoulof, iranischer Filmemacher im Exil, dessen „Saat des Heiligen Feigenbaums“ 2024 in Cannes Premiere feierte und für alle großen Filmpreise nominiert wurde; der mehrfach ausgezeichnete rumänische Regisseur Cristian Mungiu (u.a. „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“, Palme d’Or 2007); der französische Filmemacher Stéphane Brizé (u.a. „La Loi du marché“ 2015); und die chinesische Schauspielerin Zhao Tao.

Im Wettbewerb rittern 21 Filme um den Goldenen Löwen für den besten Film sowie die Silbernen Löwen in verschiedenen künstlerischen Kategorien wie Regie, Drehbuch und Schauspiel. Zu den mit großer Spannung erwarteten internationalen Großproduktionen zählen folgende Beiträge. Zwei Jahre nach seinem großen Triumph mit „Poor Things“, der seinen Siegeszug mit dem Goldenen Löwen in Venedig begann und mit vier Oscars, darunter für Hauptdarstellerin Emma Stone, beendete, kehren Yorgos Lanthimos und seine Lieblingsschauspielerin an den Lido zurück, um ihre neue schwarze Komödie „Bugonia“ uraufzuführen. In diesem Remake eines südkoreanischen Films spielt Stone die Nebenrolle eines einflussreichen CEO einer großen Firma, die von zwei verrückten Verschwörungstheoretikern entführt wird, die sie für ein gefährliches Alien halten. Einer davon wird von Jesse Plemons gespielt, der mit Lanthimos und Stone auch in „Kinds of Kindness“ zusammenarbeitete und dafür in Cannes 2024 den Darstellerpreis erhielt.

Der amerikanische Independent-Auteur Jim Jarmusch kehrt mit einem neuen lakonischen Episodendrama zurück: „Father Mother Sister Brother“. Ein Triptychon, in dem Jarmusch in drei losen Geschichten – eine an der amerikanischen Ostküste, eine in Irland, eine in Paris – das Verhältnis erwachsener Kinder zu ihren entfremdeten Eltern beleuchtet. Zum Starensemble gehören Cate Blanchett, Adam Driver, Mayim Bialik, Tom Waits, Vicky Krieps und Charlotte Rampling.

Netflix kehrt dieses Jahr gleich mit mehreren Großproduktionen nach Venedig zurück, nachdem der Streaming-Gigant im letzten Jahr nicht in der Lagunenstadt vertreten war. Die größten Hoffnungen liegen wohl auf Guillermo del Toro, der nach Jahrzehnten endlich sein Traumprojekt, eine Neuverfilmung von Mary Shelleys unvergänglichem Horrorklassiker „Frankenstein“, aufs Publikum loslässt. Mit Oscar Isaac als verkanntem, verrückten Wissenschaftler und Jacob Elordi als furchteinflößendem Monster. Wenn einer eine verdammt gute Frankenstein-Adaption machen kann, dann del Toro. 2017 begeisterte er Jury und Publikum in Venedig bereits mit seinem Fantasy-Märchen „The Shape of Water“ und gewann sowohl den Goldenen Löwen als auch zwei Oscars – plus zwei für Ausstattung und Musik. In Nebenrollen sind u.a. Christoph Waltz, Felix Kammerer, Mia Goth und Ralph Ineson dabei.

Die zweite Netflix-Produktion im Wettbewerb von Venedig ist Kathryn Bigelows neuer Polit-Action-Thriller „A House of Dynamite“. Ein Film, wie er politisch brisanter dieser Tage kaum sein könnte, handelt er doch von einer Gruppe Mitarbeitern im Weißen Haus, die sich auf einen bevorstehenden Raketenangriff auf die USA vorbereiten. Zu den Akteuren in diesem Film gehören Idris Elba, Rebecca Ferguson, Gabriel Basso, Jared Harris, Tracy Letts und Anthony Ramos. Es ist dies Bigelows erster Film seit acht Jahren, nach „Detroit“.

Und als dritter Wettbewerbsbeitrag fürs große rote „N“ steht in diesem Jahr Noah Baumbachs neue Tragikomödie „Jay Kelly“ in den Startlöchern. In dem gemeinsam mit Schauspielerin Emily Mortimer geschriebenen Film übernimmt George Clooney die Titelrolle eines alternden Filmstars, der mit seiner Ehefrau (Laura Dern) und seinem langjährigen Manager (Adam Sandler) durch Europa reist und seine Karriere und Beziehungen zu seinem inneren Zirkel aufarbeitet und evaluiert.

Ein Drama, das Erinnerungen an Darren Aronofskys Gewinnerfilm in Venedig 2008, „The Wrestler“, weckt, ist Benny Safdies Sportlerdrama „The Smashing Machine“. Er erzählt die Geschichte des Amateurwrestlers und Mixed-Martial-Arts-Kämpfers Mark Kerr und seine schwierige Karriere sowie Beziehung zu seiner damaligen Frau Dawn. Dwayne Johnson, nahezu unkenntlich unter gesichtsveränderndem Make-Up, dürfte eine transformative, möglicherweise karriereweisende Performance geben, die ihn sogar zu einem ernsthaften Oscar-Kandidaten machen könnte. Emily Blunt an seiner Seite dürfte ebenfalls eine emotionale Rolle spielen.

Aus Südkorea schickt sich Park Chan-wook an, mit seinem neuen schwarzhumorigen Crime-Thriller für Gesprächsstoff zu sorgen. Eine Verfilmung des Romans „The Ax“ von Donald Westlake, spielt Byung-hun Lee in „No Other Choice“ einen Mann mittleren Alters, der, nachdem er nach 25 Jahren plötzlich seinen Job verliert, zu drastischen Methoden greift, um beruflich wieder in die Spur zu finden.

Und dann ist da noch der französische Auteur Olivier Assayas, der für seinen neuesten Spielfilm auf den Debütroman des italienisch-schweizerischen Essayisten und Schriftstellers Giuliano da Empoli zurückgreift. In „The Wizard of the Kremlin“ wagt Assayas einen Blick hinter die Kulissen der russischen Regierung während der 1990er Jahre, anhand des Protagonisten Vadim Branaov (Paul Dano), der sich zu einem hochrangigen Mitglied hocharbeitet. An seiner Seite agieren Alicia Vikander, Zach Galifianakis, Tom Sturridge und Jeffrey Wright. Alle Augen werden aber auf Jude Law gerichtet sein, denn er spielt einen aufstrebenden russischen Jungpolitiker namens Vladimir Putin.

Die spannendste Premiere außerhalb des Wettbewerbs fokussiert sich auf Lokalmatador Luca Guadagnino. Der vielbeschäftigte italienische Auteur bringt seinen „#metoo“-Thriller „After the Hunt“ nach Venedig – und seine Hauptdarstellerin Julia Roberts erstmals zum Filmfestival. Sie spielt eine Literaturprofessorin, die mit einer traumatischen Episode aus ihrer Vergangenheit konfrontiert wird, als eine ihrer besten Studentinnen (Ayo Edebiri) ihren gut befreundeten Kollegen (Andrew Garfield) des sexuellen Übergriffs bezichtigt.
Bei der Eröffnungsgala am 27. August wird auch der Ehrenpreis, ein Goldener Löwe für ein Lebenswerk, verliehen. In diesem Jahr gebührt dieses Privileg dem deutschen Filmemacher Werner Herzog, der seit einem halben Jahrhundert mit seinen Spielfilmen und Dokumentationen weltweit für Furore gesorgt hat und dessen Zusammenarbeit mit dem notorischen Choleriker Klaus Kinski zur Legende wurde. Die Laudatio hält eine andere Kinolegende: niemand geringeres als Francis Ford Coppola. Ebenfalls ausgezeichnet wird während des Festivals die inzwischen 92jährige Schauspiellegende Kim Novak, verewigt in Alfred Hitchcocks Thriller-Klassiker „Vertigo“ 1958.
Die 82. Filmfestspiele von Venedig versprechen einen spannenden und glamourösen Auftakt in den Festivalherbst und die neue Award-Saison. Auch wenn ich nicht selbst vor Ort dabei sein und die Filme aus erster Hand begutachten kann, werde ich das Geschehen am Lido im Auge behalten und zu gegebener Zeit den einen oder anderen Film sehen. Ciao, ragazzi.