Zwei Menschen fliehen aus einer hermetisch abgeriegelten Kolonie und rennen um ihr Leben. Tiefgründiger und düsterer Science-Fiction-Actioner mit Ewan McGregor und Scarlett Johansson.

Einige werden sich jetzt denken: „Was will der jetzt mit so einem Michael Bay-Film?“ Ich war und bin nach wie vor selbst überrascht von „The Island“. Für mich persönlich ist dies Bays bester Film, denn hier beweist er – zwar nur in Ansätzen, aber immerhin – dass er durchaus das Zeug hat, auch intelligente und zum Nachdenken anregende Werke zu produzieren. Hier hat er jedenfalls die beste Vorlage für einen packenden Science-Fiction-Film. Die Action, wie in jedem anderen seiner Projekte kinetisch und frenetisch inszeniert, ist wohl dosiert und hält sich, erstaunlich für Bay, doch zurück. Stilistisch orientiert sich „The Island“ ganz klar an klassische Vorlagen des Science-Fiction-Genres, in denen es um dystopische, aber doch erschreckend realistische Zukunftsprognosen geht – man denke dabei z.B. an „THX 1138“, „Fahrenheit 451“, „Logan’s Run“ oder „Soylent Green“. Man wird diesen Film zwar nicht in absehbarer Zeit in einem Atemzug mit diesen Meisterwerken aus vergangenen Zeiten nennen, und „The Island“ wird wohl eher als ein höherwertiger Eintrag in der Filmografie eines oft belächelten und selten wirklich ernst genommenen Blockbuster-Regisseurs in Erinnerung bleiben. Unterschätzen sollte man ihn aber trotzdem nicht.
In der damals näheren Zukunft des Jahres 2019 lebt Lincoln-Six-Echo (Ewan McGregor) in einer von der Außenwelt hermetisch abgeriegelten Kolonie, wo alle Bewohner strikte Regeln zu befolgen haben, so etwa ist Körperkontakt untereinander untersagt. Der Alltag ist rigoros durchgeplant und sogar die Kleidung wird bereitgestellt. Die Außenwelt ist durch Naturkatastrophen kontaminiert und unbewohnbar geworden, weshalb sie die einzigen Überlebenden auf der Welt sind. Doch da gibt es noch einen idyllischen und verheißungsvollen Ort, an den einmal wöchentlich der glückliche Gewinner einer Lotterie geschickt wird: die „Insel“, das letzte Paradies auf Erden. Jeder träumt davon, dort hinzukommen. Nun soll Lincolns beste Freundin und Schwarm, Jordan-Two-Delta (Scarlett Johansson) endlich auf die Insel ziehen. Doch der immerzu skeptische und von furchtbaren Visionen geplagte Lincoln kommt einem grausamen und erschütternden Geheimnis auf die Spur, weswegen er sich Jordan schnappt und mit ihr eine halsbrecherische Flucht vor dem Leiter der Kolonie, Dr. Merrick (Sean Bean), unternimmt.

Das Drehbuch, ursprünglich von Caspian Tredwell-Owen konzipiert und geschrieben, wurde auf Wunsch des produzierenden Studios „DreamWorks“ vom Autorenduo Roberto Orci und Alex Kurtzman überarbeitet. Letztere machten sich später einen Namen für ihre Drehbücher für einige der erfolgreichsten Filmfranchises des 21. Jahrhunderts, wie „Mission: Impossible“, „Star Trek“ und Michael Bays „Transformers“-Filme. Hier gelingt den Autoren ein spannendes Szenario, das einige spannende Themen innerhalb der Medizin sowie der menschlichen Gesundheit und Lebenserwartung anreißt. Wer sich aber eine philosophische und moralische Auseinandersetzung mit diesen Themen erhofft, der ist hier an der falschen Adresse, denn viel mehr als ein paar kurze Gespräche hierzu zwischen einzelnen Figuren gibt es nicht. Und für ein kritisches Exposé zu diesen Themen wäre Michael Bay ja wohl der am wenigsten geeignete Gesprächspartner.
So gestaltet er „The Island“ auch als unterhaltsamen, 136minütigen Actionthriller mit düsteren, evolutionskritischen Untertönen. Man kann sich seine Gedanken zu den Themen, die dem Film zugrunde liegen, ja auch nach dem Abspann machen. Bay und seine Autoren verschenken hier viel dramaturgisches Potenzial, und das ist durchaus schade. Aber als futuristischer Flucht-Action-Thriller haben der Regisseur und seine Crew ihre Hausaufgaben wieder überzeugend erledigt. Mit Ewan McGregor und Scarlett Johansson haben sie überdies zwei talentierte Schauspieler engagiert, die davor und seitdem schon oft bewiesen haben, dass sie sowohl in starken Charakterstudien als auch inmitten von actiongeladenem Effektbombast gerne mal über sich hinauswachsen. Auch hier machen sie ihre Sache wieder sehr gut und auch wenn ihnen nicht viel Raum für charakterliche Entwicklung gegeben wird – was im Angesicht ihrer Rollen auch Sinn macht – so bringen sie viel Leben in den Film. Besonders hervor stechen in Nebenrollen Steve Buscemi, der kurz auftretende Michael Clarke Duncan in einer besonders bedrückenden Sequenz und Ethan Phillips als Lincolns bester Freund Jones-Three-Echo.

Ein besonderes Highlight des Films ist auch die Filmmusik von Steve Jablonksy, dessen Einflüsse seines Vorbilds und Mentors Hans Zimmers unverkennbar sind. Das Stück „My Name is Lincoln“ etwa wurde sogar für den ersten Trailer zu James Camerons monumentalen 3D-Blockbuster „Avatar“ verwendet. Hier untermalt er einen besonders emotionalen Moment. Mit „The Island“ löste sich Bay von seinem bisherigen Stammproduzent Jerry Bruckheimer und fast konnte man meinen, dass er dadurch auch einen Schritt weit in Richtung anspruchsvollere Projekte gehen würde. Nun, dem war bekanntermaßen nicht der Fall. Deshalb steht dieser Film, auch 20 Jahre später noch, als eine Art Anomalie in Bays Bomben-und-Granaten-Galerie. Das erklärt vielleicht, warum der Film seinerzeit sowohl bei Kritikern als auch beim Publikum nicht ankam, denn für nachhaltige Sozialkritik ist der Film zu oberflächlich geraten und für einen Action-Blockbuster hat er zu viele düstere, verkopfte Elemente. Unterm Strich finde ich „The Island“ aber sehr gelungen und kurzweilig.
Trailer (Spoiler inklusive – Anschauen auf eigene Gefahr):