Die Academy prämiert das Beste, was das Kalenderjahr 2024 ihrer Meinung nach filmtechnisch zu bieten hat. Strahlende Gewinner, bittere Enttäuschungen, große Überraschungen – dieser Jahrgang hat wieder einmal alles zu bieten.

Es hatte sich in den vergangenen Wochen bereits angedeutet, und allzu viele Zweifel gab es im Vorfeld der Gala im „Dolby Theater“ in Los Angeles nicht mehr: die Nacht gehört Sean Baker. Der vergangene Woche 54 Jahre alt gewordene Drehbuchautor, Produzent, Regisseur und Editor ging mit seiner für sechs Preise vorgeschlagenen romantischen Tragikomödie „Anora“ über eine New Yorker Stripperin, die impulsiv einen verwöhnten und verantwortungslosen russischen Oligarchensohn heiratet und dann an seine chaotische Familie samt Aufpasser gerät, als großer Favorit ins Rennen. Er wurde dieser Rolle mehr als gerecht. Baker selbst gewann unfassbare vier Preise und stellte damit einen neuen Rekord auf: niemand hat mehr Goldjungen für einen einzigen Film erhalten. Walt Disney gewann zwar 1954 vier Oscars in einer Nacht, diese aber für verschiedene Projekte. Und um den Triumph von „Anora“ noch perfekt abzurunden, triumphierte Hauptdarstellerin Mikey Madison völlig überraschend über die haushohen Favoritinnen Demi Moore („The Substance“, Gewinner fürs Make-Up) und Fernanda Torres („I’m Still Here“, der erste brasilianische Gewinner für den internationalen Film). Ein geschichtsträchtiger Abend und ein wichtiger Meilenstein fürs amerikanische wie auch internationale Independent-Kino. Überdies ist „Anora“ erst der vierte Film, der sowohl den Hauptpreis in Cannes als auch den Oscar gewann, was zuvor nur Billy Wilders „The Lost Weekend“ (1945), Delbert Manns „Marty“ (1955) und zuletzt Bong Joon-hos „Parasite“ (2019) gelang.

Mit drei Preisen ebenfalls gut abgeschnitten hat Brady Corbets Immigranten-Epos „The Brutalist“. 22 Jahre nach seinem ersten Oscar in einer ähnlichen Rolle, damals als polnischer Holocaust-Überlebender Władysław Szpilman in Roman Polanskis erschütterndem Meisterwerk „The Pianist“, wiederholte Adrien Brody diesen Sieg mit seiner herausfordernden Rolle als ungarischer Architekt László Tóth, der sich nach seiner Flucht aus Europa nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA ein neues Leben aufbaut. Lol Crawleys beeindruckende Kameraarbeit und Daniel Blumbergs wunderschöne Filmmusik wurden ebenfalls honoriert.

Der mit unübertroffenen 13 Nominierungen ins Rennen gegangene, aber durch einige Skandale und mittelprächtige Kritiken ins Straucheln geratene Musical-Crime-Thriller „Emilia Pérez“ konnte trotz allem mit zwei Preisen nach Hause gehen: Zoë Saldaña wurde erwartungsgemäß zur besten Nebendarstellerin gekürt, und Clemént Ducol, Camille und Regisseur Jacques Audiard wurden für den besten Filmsong, „El Mal“, ausgezeichnet. Hauptdarstellerin Karla Sofía Gascón, durch ihre kontroversen Tweets und fragwürdigen medialen Auftritte stark kritisiert, nahm nichtsdestotrotz an der Verleihung teil und erhielt bei der Erwähnung ihres Namens vom anwesenden Publikum auch Applaus.

Die andere Musical-Sensation des Kinojahres 2024, der erste Teil der Broadway-Adaption „Wicked“ von Produzent Marc Platt und Regisseur Jon M. Chu, die zehnmal nominiert war, konnte sich über die Auszeichnungen fürs Produktions- sowie fürs Kostümdesign freuen. Diese Ausbeute war allgemein auch erwartet worden. Kostümdesigner Paul Tazewell schreibt Geschichte als erster schwarzer männlicher Gewinner in dieser Kategorie – er folgt seiner Kollegin Ruth E. Carter, die für die beiden „Black Panther„-Filme aus dem Hause Marvel Studios Barrieren durchbrechen konnte.

Apropos zweigeteiltes Kinoereignis: drei Jahre nachdem Denis Villeneuves gefeierte Science-Fiction-Verfilmung „Dune“ sechsfach Oscar-prämiert wurde, trat deren Fortsetzung, „Dune Part Two“ mit fünf Nominierungen an, von denen sie die Kategorien Sound und Visuelle Effekte für sich entscheiden konnte. Auch hier gab es keine große Überraschung.

Die größte, neben Madisons Triumph, kam nämlich in der Kategorie des besten Animationsfilms. Die lettische Produktion „Flow“ von Gints Zilbalodis, die gänzlich mit einer frei zugänglichen Open-Source-Software animiert wurde, krönte ihren unwahrscheinlichen Siegeszug – Europäischer Filmpreis, Golden Globe, Independent Spirit Award – mit dem Oscar, obwohl die Konkurrenz, allen voran das gefeierte Abenteuer „The Wild Robot“ von „DreamWorks Animation“, haushoch überlegen schien. Es ist dies eine weitere inspirierende Underdog-Geschichte, die beweist, dass die zunehmend internationaler werdenden Mitglieder der Academy nicht mehr nur auf Budget, Einspielergebnis und allgemeine Popularität achten.

Als bester Nebendarsteller wurde unterdessen Kieran Culkin für seine Rolle als depressiver Nachfahre einer Holocaust-Überlebenden auf einer Gedenktour durch Polen in Jesse Eisenbergs „A Real Pain“ ausgezeichnet. Der achtfach nominierte Vatikan-Thriller „Conclave“ über eine nervenaufreibende und von Intrigen durchsetzte Papstwahl gewann seinen einzigen Preis für Peter Straughans Drehbuchadaption des Romans von Robert Harris.

Filme mit mehreren Nominierungen, die gänzlich leer ausgegangen sind, sind „A Complete Unknown“, James Mangolds achtfach nominiertes Biopic über die formativen Jahre Bob Dylans Anfang der 1960er Jahre in New Yorks Folk-Musik-Szene, Robert Eggers‘ bildgewaltige und stimmungsvolle Neuverfilmung des Horrorklassikers „Nosferatu“ mit vier vergeblichen Preischancen, das berührende Gefängnisdrama „Sing Sing“ mit drei und die bedrückende Romanverfilmung „Nickel Boys“ über zwei schwarze Teenager in einer brutalen und unbarmherzigen Reformschule während der Jim Crow-Ära mit zwei Nominierungen, einer davon für den besten Film.
Mit einer unterhaltsamen, wenn auch langatmigen Gala mit teilweise schlechten Showeinlagen – das James Bond-Tribute musste nicht sein, und Quincy Jones hätte eine bessere Würdigung verdient – geht die spannende und unberechenbare Award-Saison 2024/25 zu Ende. Conan O’Brien hat seinen Job gut gemacht, aber auch er konnte die Show nicht wirklich retten.
Die komplette Liste mit allen 23 Preisträgern:
Bester Film: Sean Baker, Samantha Quan und Alex Coco für „Anora“
Beste Regie: Sean Baker für „Anora“
Bester Hauptdarsteller: Adrien Brody für „The Brutalist“
Beste Hauptdarstellerin: Mikey Madison für „Anora“
Bester Nebendarsteller: Kieran Culkin für „A Real Pain“
Beste Nebendarstellerin: Zoë Saldaña für „Emilia Pérez“
Bestes Originaldrehbuch: Sean Baker für „Anora“
Bestes adaptiertes Drehbuch: Peter Straughan für „Conclave“, nach dem Roman von Robert Harris
Bester internationaler Film: „I’m Still Here“ aus Brasilien, Regie: Walter Salles
Bester Animationsfilm: Gints Zilbalodis, Matīss Kaža, Ron Dyens und Gregory Zalcman für „Flow“
Beste Filmmusik: Daniel Blumberg für „The Brutalist“
Bester Filmsong: „El Mal“ aus „Emilia Pérez“: Clément Ducol, Camille, Jacques Audiard
Beste Kamera: Lol Crawley für „The Brutalist“
Bester Schnitt: Sean Baker für „Anora“
Bestes Produktionsdesign: Nathan Crowley und Lee Sandales für „Wicked“
Bestes Kostümdesign: Paul Tazewell für „Wicked“
Bestes Make-Up und Hairstyling: Pierre Olivier-Persin, Stéphanie Guillon und Marilyne Scarselli für „The Substance“
Bester Sound: Gareth John, Richard King, Ron Bartlett und Doug Hemphill für „Dune Part Two“
Beste Visuelle Effekte: Paul Lambert, Stephen James, Rhys Salcombe und Gerd Nefzer für „Dune Part Two“
Bester Dokumentarfilm: Basel Adra, Rachel Szor, Hamdan Ballal und Yuval Abraham für „No Other Land“
Bester dokumentarischer Kurzfilm: Molly O’Brien und Lisa Remington für „The Only Girl in the Orchestra“
Bester animierter Kurzfilm: Shirin Sohani und Hossein Molayemi für „In the Shadow of the Cypress“
Bester Kurzfilm: Victoria Warmerdam und Trent für „I’m Not a Robot“
Filme mit mehreren Preisauszeichnungen:
„Anora“: 5 Oscars bei 6 Nominierungen
„The Brutalist“: 3 Oscars bei 10 Nominierungen
„Emilia Pérez“: 2 Oscars bei 13 Nominierungen
„Wicked“: 2 Oscars bei 10 Nominierungen
„Dune Part Two“: 2 Oscars bei 5 Nominierungen