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In memoriam Gene Hackman: die Schauspiellegende in einer seiner letzten Rollen als exzentrischer Patriarch einer herrlich dysfunktionalen Familie in einer wunderbar verschrobenen Komödie von Wes Anderson.

Gene Hackman hatte eine außergewöhnliche Karriere. Der Schauspieler stand erstmals 1961 als Polizist für den Film „Mad Dog Coll“ vor der Kamera – eine Rolle, die er im Verlauf der nächsten vier Jahrzehnte öfter spielen sollte. Sein erstes großes Ausrufezeichen setzte er sechs Jahre später, als er als Clyde Barrows Bruder in Arthur Penns stilbildender Gangster-Ballade „Bonnie & Clyde“ an der Seite von Warren Beatty und Faye Dunaway seine erste Oscar-Nominierung erhielt. Den großen Durchbruch hatte er dann vier Jahre später, mit 41 Jahren, als William Friedkin ihn widerwillig als New Yorker Drogenfahnder Jimmy „Popeye“ Doyle in „The French Connection“ besetzte, für den beide den Goldjungen gewannen. Hackmans Karriere als Charakterdarsteller brachte viele unvergessliche Rollen hervor, etwa als paranoider Abhörspezialist in Francis Ford Coppolas Meisterwerk „The Conversation“ (1974), Supermans Erzfeind Lex Luthor in Richard Donners Comicbuch-Verfilmung aus dem Jahr 1978 und dem Sequel zwei Jahre später, oder als FBI-Agent in Alan Parkers Rassismus-Exposé „Mississippi Burning“ (1988). Seinen zweiten Oscar, diesmal als Nebendarsteller, erhielt er für seine Rolle als brutaler Sheriff einer Kleinstadt in Clint Eastwoods Spätwestern „Unforgiven“ (1992). Nach über vier Jahrzehnten setzte sich Hackman dann 2004 zur Ruhe: mit der Komödie „Welcome to Mooseport“ als ehemaliger US-Präsident, der mit Sitcom-Star Ray Romano um das Bürgermeisteramt einer Kleinstadt und die Liebe einer Frau (Maura Tierney) konkurriert.

© 2001 Buena Vista International, Touchstone Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Eine seiner besten Rollen – es war seine drittletzte – die seinen Facettenreichtum eindrucksvoll unter Beweis stellte, war die des Royal Tenenbaum in einer dunklen, lakonischen und, wie es sich für einen Auteur wie Wes Anderson gehört, verschrobenen Tragikomödie. Hackman führt ein exquisit besetztes Ensemble an, mit einer Reihe an talentierten Charakterdarstellern, wie etwa Anjelica Huston, Danny Glover, Ben Stiller, Gwyneth Paltrow, Bill Murray sowie den Brüdern Luke und Owen Wilson. Anderson schrieb das Drehbuch, das von den Werken des französischen Regisseurs Louis Malle, Orson Welles‘ Klassiker „The Magnificent Ambersons“ (1942) und J.D. Salingers Roman „Franny and Zooey“ (1961) inspiriert ist, mit Owen Wilson, wofür beide für den Oscar nominiert wurden. „The Royal Tenenbaums“ hebt sich auch dank seiner literarischen Qualität – er ist wie ein Roman in mehreren Kapiteln strukturiert, mit Voice-Over-Erzählung – von den meisten Familienkomödien seiner Zeit ab.

Royal Tenenbaum (Hackman) ist das Oberhaupt einer überaus renommierten, aber sehr exzentrischen Familie. Mit seiner Frau Etheline (Huston) hat er drei Kinder, die allesamt bereits im Kindesalter schon große Erfolge verbuchen konnten. Da ist der ältere Sohn, Chas (Aram Aslanian-Persico), der schon früh einen guten Geschäftssinn entwickelt, was Royal für seinen eigenen finanziellen Gewinn ausnutzt. Der jüngere Sohn, Richie (Arianna Turturro) ist ein überaus talentierter Tennisspieler. Tochter Margot (Irene Gorovaia) ist adoptiert, wird aber wie ein eigenes Kind großgezogen; sie macht sich einen Namen als begabte Dramatikerin. Royal und Etheline trennen sich, noch bevor ihre Kinder das Teenageralter erreichen, lassen sich aber nicht scheiden. Viele Jahre später will sich Royal mit seiner Familie versöhnen, auch weil er aus dem Hotel, in dem er lebt, delogiert wird. Er täuscht vor, an Magenkrebs im Endstadium zu leiden und erschleicht sich so das Mitgefühl von Etheline und Sohn Richie (Luke Wilson), zum Leidwesen von Chas und Ethelines neuem Verehrer Henry (Glover). Seine Kinder haben unterdessen mit eigenen Problemen zu leiden: Chas (Stiller) ist seit dem Tod seiner Frau, die bei einem Flugzeugabsturz starb, ein penibler und übervorsichtiger Vater seiner beiden Söhne geworden. Richies Profikarriere hat ein vorzeitiges Ende gefunden und er ist schwer depressiv, auch weil er unglücklich in Margot verliebt ist, und Margot (Paltrow) selbst hat schon lange nichts mehr geschrieben, ist in ihrer zweiten Ehe mit dem Neurologen Raleigh St. Clair (Murray) gelangweilt und flüchtet sich in eine Affäre mit Richies bestem Freund Eli (Owen Wilson). Keine gute Zeit also für eine Familienzusammenführung.

© 2001 Buena Vista International, Touchstone Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

The Royal Tenenbaums“ ist Wes Andersons dritter Spielfilm nach „Bottle Rocket“ (1996) und „Rushmore“ (1998) und bedeutete für ihn den großen Durchbruch. Hier zeigt sich bereits Andersons Gespür für exzentrische Charaktere, unkonventionelle Erzählstrategien und eine unverkennbare Bildregie, auch wenn er sein Faible für symmetrische Kompositionen hier noch nicht vollends zur Entfaltung bringt. Es ist ein Film, der nicht wie ein Produkt seiner Zeit wirkt: er hätte genauso gut in den 1950ern, 1960ern oder 1970ern gedreht werden können und nichts von seiner Wirkung eingebüßt. Das Thema der dysfunktionalen Familie ist, ja, zeitlos. Anderson gelingt hier ein schwieriger Spagat zwischen lakonischem Dialogwitz, schrägen Charaktermomenten und ernsten und melancholischen Elementen.

Sein handverlesenes Ensemble trägt seinen Anteil zum Gelingen dieses Films bei. Ben Stiller etwa sticht hier positiv heraus, indem er eine ernstere Rolle übernimmt als seinem eigentlichen Typus entsprechend. Luke Wilson gibt hier, besonders in den dramatischen Szenen, eine Talentprobe ab, die seinen berühmteren Kollegen in nichts nachsteht. Das Herzstück des Films ist aber natürlich sein namensgebender Protagonist, und obwohl Gene Hackman hinter den Kulissen ein äußerst schwieriger Kollaborateur gewesen sein soll, so gibt er hier noch einmal eine große Vorstellung mit viel Charme und komödiantischem Timing. Rollen wie diese beweisen, was für ein vielseitiger Charakterdarsteller er zeit seines Lebens gewesen ist.

Ein dank seiner spielfreudigen Stars komisches wie bewegendes Familienportrait mit Dialogwitz und Pathos, einem eklektischen Soundtrack und eingängigen Bildern. Ein herrlich exzentrisches und darüber sehr sympathisches Werk, auf das man sich gerne einlassen kann.

Trailer:

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