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Vor 30 Jahren trafen sich ein Amerikaner und eine Französin in einem Zug von Budapest nach Wien – der Beginn einer unvergesslichen Liebesgeschichte, die sich über drei Filme im Abstand von jeweils neun Jahren entfaltete. Enthält Spoiler!

Das Jahr 1995 mag aus heutiger Sicht lange zurückliegen, vieles, was damals gang und gäbe war, ist heute antiquiert und ein Relikt vergangener, besserer Zeiten. So war das Internet vor 30 Jahren noch weit davon entfernt, unseren Alltag nahezu vollumfänglich zu durchdringen, man ging noch in Videotheken und Plattenläden, um sich die neuesten Filme und Musikveröffentlichungen zu holen, weil, auch das ist heute undenkbar, alles nur auf physischen Medien verfügbar war. Und das Kino? Was war das damals noch für eine Zeit, als man noch charakterstarke Filme vorgesetzt bekam, in dem echte Menschen mit echten Problemen konfrontiert waren und wir zwar im Vergleich zu jetzt zwar weniger, aber dafür qualitativ umso hochwertigere Produktionen im Lichtspieltheater unseres Vertrauens sehen durften. Ja, die Generation X und die älteren Millennials, zu letzteren auch ich mich zählen darf, hatten schon eine großartige Kindheit bzw. Jugend.

© 1995 Columbia Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Gerade die Filme, die die Generation X prägten, sind fast alle wirklich gut gealtert und werden auch Jahrzehnte später noch wohlwollend aufgenommen. Zu jener Zeit befand sich auch die alternative Musikszene auf ihrem Höhepunkt, mit der „Grunge“-Bewegung rund um Bands wie Nirvana, Alice in Chains, Pearl Jam und den Smashing Pumpkins, während in Europas Diskotheken der „Eurodance“-Boom Einzug hält. Na ja. Es war jedenfalls eine wahrlich faszinierende Welt, in der wir damals leben durften.

Ein Schauspieler, der besonders eng mit der Generation X verbunden wird, ist Ethan Hawke. Erstmals auf sich aufmerksam machte er als einer von Robin Williams inspirierten Schülern in Peter Weirs „Dead Poets Society“ (1989), in Frank Marshalls Katastrophendrama „Alive!“ (1993) spielte er einen Überlebenden der uruguayischen Rugby-Mannschaft, deren Flugzeug im Oktober 1972 über den verschneiten Anden abgestürzt war. Und im Liebesdrama „Reality Bites“ (1994), unter der Regie eines jungen Ben Stiller, stahl er an der Seite seiner Leinwandpartnerin Winona Ryder die Herzen des Publikums. Seiner fruchtbarsten kreativen Partnerschaft verdankt Hawke seine bekannteste und beliebteste Rolle.

© 1995 Columbia Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

1995 drehte er seinen ersten Film mit dem texanischen Independent-Filmemacher Richard Linklater, mit dem er an insgesamt neun Projekten zusammenarbeitete – ihr jüngstes, „Blue Moon“, wird im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale uraufgeführt.  Damals, 1995, besetzte Linklater ihn als amerikanischen Rucksacktouristen Jesse Wallace, der nach ein paar Wochen in Europa nach Hause in die Staaten zurückfliegen möchte, und im Zug von Budapest nach Wien, von wo aus sein Flug tags darauf abheben wird, eine Begegnung macht, die sein Leben für immer verändern wird. Ebenfalls im Zug sitzt nämlich die schöne französische Studentin Celine, gespielt von Julie Delpy, die in Budapest ihre Großmutter besuchte und nach Paris zurückfährt. Von einem streitenden Paar im Zug genervt, kommen die beiden ins Gespräch und wechseln das Abteil. In Wien angekommen, bittet Jesse Celine darum, mit ihm den Tag und die Nacht zu verbringen, und gemeinsam erkunden sie die Donaumetropole. Während ihrer langen Spaziergänge durch die Stadt, bei denen sie einige Sehenswürdigkeiten, darunter auch das Riesenrad im Prater, besichtigen, führen sie lange, intensive und mitunter konfrontative Diskussionen miteinander und kommen sich im Laufe des langen Tages immer näher, obwohl sie beide wissen, dass ihre Bekanntschaft nur von sehr kurzer Dauer sein wird. Am nächsten Morgen, zurück am Bahnhof, beschließen sie, sich in genau sechs Monaten wieder in Wien zu treffen, ohne aber vorher Kontaktinformationen auszutauschen.

Die Idee zu „Before Sunrise“ geht auf Regisseur Richard Linklater zurück, der mit der Autorin Kim Krizan auch das Drehbuch schrieb. Er selbst hatte nämlich eine ähnliche Begegnung mit einer jungen Frau namens Amy Lehrhaupt, die er 1989 in Philadelphia kennenlernte und mit der er ebenfalls eine Nacht lang konversierend durch die Stadt spazierte. Linklaters Hoffnung, Lehrhaupt durch den Film vielleicht wiederzufinden, erfüllte sich leider nicht: erst 2013 erfuhr er, dass sie bereits vor der Veröffentlichung von „Before Sunrise“ bei einem Motorradunfall ums Leben kam. Der Film wird auf den 16. Juni datiert, eine Hommage an James Joyces legendären Roman „Ulysses“, dessen Handlung sich auch an einem 16. Juni zuträgt. Dieser Tag wird von Fans des Romans in Anlehnung an die Hauptfigur Leopold Bloom auch „Bloomsday“ genannt.

© 1995 Columbia Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Before Sunrise“ ist ein wunderschönes, melancholisches und immersives Romantikdrama, das die Millionenmetropole Wien von einer seltenen Schönheit zeigt. Ob auf der Ringstraße, vor der Albertina, an der Donaupromenade, im Prater, oder im durch den Film weltberühmt gewordenen „Friedhof der Namenlosen“, man hat immer das Gefühl, als zuhörender Beobachter ganz nah an Jesses und Celines Seite zu sein und die Stadt mit ihnen zu entdecken. Die reduzierte Handlung, die sich rein auf die vielschichtigen Gespräche zwischen den Beiden konzentriert, entwickelt dadurch eine gewisse Tiefe, die durch die Chemie von Hawke und Delpy intensiviert wird. Auch wenn es vielleicht gar nicht so einfach ist, alles, worüber sie im Laufe der 101 Minuten reden, in Erinnerung zu behalten, so vergisst man nicht die Orte und Bekanntschaften, die sie auf ihrem Spaziergang durch Wien machen – darunter auch die österreichische Schauspiellegende Erni Mangold, die ihnen die Handflächen abliest.

Bis heute genießt „Before Sunrise“ Kultstatus und wird ausnahmslos positiv rezipiert. Linklater gewann auf der Berlinale 1995 den Silbernen Bären für die beste Regie, der Kuss im Riesenrad wurde für einen „MTV Movie Award“ nominiert.

© 2004 Warner Independent Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Neun Jahre später, 2004, kehrten Linklater, Delpy und Hawke mit der Fortsetzung „Before Sunset“ zurück. Alle drei schrieben gemeinsam das Drehbuch, und erhielten dafür eine Oscar-Nominierung und erneut glänzende Kritiken.

Jesse ist mittlerweile Buchautor geworden, verheiratet und Vater eines Sohnes. Er gibt eine Lesung in einer kleinen Pariser Buchhandlung am Ende einer europäischen Lesetournee zu einem Roman, der von seiner Begegnung mit Celine inspiriert ist. In der Tat kommt es nach fast einem Jahrzehnt zum langersehnten Wiedersehen. Weil Celines Großmutter genau an jenem 16. Dezember, an dem sie sich mit Jesse in Wien treffen wollte, beerdigt wurde, und sie keine Kontaktdaten voneinander hatten, glaubten Beide, einander nie mehr wiederzusehen. In nur etwas über einer Stunde – der Film dauert nur 80 Minuten – kabbeln und diskutieren Jesse und Celine, als ob keine Zeit vergangen wäre. Und wieder ist die Zeit ihr größter Feind, denn Jesse muss mal wieder seinen transatlantischen Flug nach Hause erwischen. Doch Jesse, der offen zugibt, dass seine Ehe in Scherben liegt, begleitet Celine bis in ihre Wohnung, wo Celine ihm einen selbstkomponierten Song über ihn vorspielt, und ihn wiederholt warnt, seinen Heimflug zu verpassen. Ende? Offen!

Wie schon neun Jahre zuvor in Wien gelingt es Linklater auch 2004 in Paris, mit wenigen dramaturgischen Kniffen, und ganz auf die Stärken seiner beiden charmanten Protagonisten vertrauend, ein Gefühl von Intimität und Vertrautheit zu kreieren. Die sonnendurchfluteten Straßen der französischen Hauptstadt bilden den perfekten Schauplatz, die beiden verhinderten Liebenden wieder zusammenzuführen. Mit den Erinnerungen aus Wien ausgestattet, fühlt sich „Before Sunset“ an, als würde man sich nach langer Zeit mit liebgewonnenen Freunden wiedertreffen.

© 2013 Filmladen, Prokino, Sony Pictures Classics. Alle Rechte vorbehalten.

Es dauerte neun weitere Jahre, um die brennende Frage am Ende von „Before Sunset“ zu beantworten: ist Jesse bei Celine geblieben? Haben sie diesmal ihr verdientes Happy End bekommen? Ja, haben sie. Und nicht nur das. 2013 trifft das Publikum die Beiden – nun in ihren Vierzigern, sichtlich älter und reifer geworden – ihre gemeinsamen Zwillingstöchter und Jesses Sohn Hank aus erster Ehe im Urlaub auf der Peloponnesischen Halbinsel Griechenlands. Als sie Hank zum Flughafen bringen, damit er zu seiner Mutter nach Hause fliegen kann, stürzt dies Jesse in ein emotionales Tief, weil er zu Hank keine enge Beziehung aufbauen konnte. Währenddessen befindet sich Celines Karriere an einem entscheidenden Wendepunkt: sie überlegt, für die französische Regierung zu arbeiten. Als Jesse vorschlägt, nach Chicago zu übersiedeln, damit er näher bei Hank sein kann, stürzt das die Beiden in eine tiefe Beziehungskrise, die die gemeinsame Zukunft einer schweren Belastungsprobe unterzieht.

Before Midnight“ bringt die eigentlich kammerspielartige, aber im Großen und Ganzen doch epische Liebesgeschichte zwischen Jesse und Celine zu einem runden Abschluss. Auch das Finale der Trilogie erhielt einhellig positives Kritikerlob, einige Preise und Nominierungen, darunter eine weitere Oscar-Nominierung fürs Drehbuch für Linklater, Delpy und Hawke. Der dritte Teil ist der emotional herausforderndste, intensivste und traurigste. Hier kulminieren alle Entscheidungen und Gefühle, die sich über einen Zeitraum von insgesamt 18 Jahren aufgestaut und entwickelt haben. Die malerische Kulisse Griechenlands dient hier mehr als Kontrast, denn während Wien und Paris mit ihren sonnendurchfluteten Bildern eine traumhafte Ästhetik kreierten, die die Hoffnung einer großen Liebe suggerierte, müssen sich die beiden Protagonisten spätestens auf der Insel da und dort mit dem Alltag einer langfristigen Beziehung, deren Tragweite und ihren Anforderungen, Hoffnungen, Wünschen und Enttäuschungen auseinandersetzen.

Genau dieser Realismus, der in oberflächlichen Liebesfilmen selten, wenn überhaupt, thematisiert und aufgegriffen wird, macht die „Before“-Trilogie zu solch einem durchschlagenden Erfolg bei Kritikern und Publikum. Wer am Ende dieser drei Filme keine emotionale Reaktion aufbringt, dem attestiere ich ein Herz aus Stein. Eine der besten Film-Trilogien überhaupt mit einem Leinwandpaar für die Ewigkeit.

Trailer:

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