Nachruf auf einen unvergleichlichen amerikanischen Filmemacher, der Generationen von Filmfans mit seinem unnachahmlichen Stil geprägt und inspiriert hat. Man kann Lynch nicht einfach begreifen, man muss ihn erleben.
Am Abend Mitteleuropäischer Winterzeit des 16. Januar 2025 machte eine traurige Nachricht schnell die Runde: vier Tage vor seinem 79. Geburtstag wurde bekannt, dass der amerikanische Regisseur, Produzent und Drehbuchautor David Lynch gestorben ist. Im vergangenen Jahr verriet er noch, dass er aufgrund eines Lungenemphysems sein Haus nicht mehr verlassen und er deswegen auch nicht mehr Regie führen könne – Lynch war sein Leben lang Kettenraucher. Seine Karriere beendete er aber bis zuletzt nicht. Die Lücke, die Lynch mit seinem Ableben hinterlässt, wird eine große sein: er galt nicht nur als rätselhafter und origineller Filmemacher, sondern auch als vielseitiger Künstler, der auch als Schauspieler, Musiker, Fotograf und Maler von sich reden machte und sehr viel Zeit mit transzendentaler Meditation verbrachte.

Wie kaum ein Filmemacher verstand es David Lynch, eine ganz eigene Handschrift und Stilistik zu entwickeln. Nicht selten werden albtraumhaft-surreale, rätselhaft-bizarre und schlicht unerklärliche Elemente in Filmen gerne als „Lynchian“ bezeichnet, ähnlich wie die weitverbreitete Verwendung des Wortes „kafkaesk“ an Anlehnung an den legendären surrealen Schriftsteller Franz Kafka. Lynchs Filme sträuben sich gegen jedwede einfache Kategorisierung, man kann sie nicht genau beschreiben, oftmals sind seine Handlungen so verschachtelt und so labyrinthartig konstruiert, dass man gar nicht mehr versteht, worum es im Großen und Ganzen eigentlich geht, was noch in der Szene davor passiert ist und was als nächstes auf einen wartet. Das macht einen Film von David Lynch, ebenso wie seine Kultserie „Twin Peaks“ (1990 – 1991, 2017) zu solch enigmatischen filmischen Ereignissen.
David Lynch begann seine künstlerische Laufbahn in den 1960er Jahren. Sein Plan, mit seinem engen Freund, Produktionsdesigner Jack Fisk, beim expressionistischen österreichischen Maler Oskar Kokoschka in die Lehre zu gehen, ging nicht auf, sodass er zunächst Malerei in Philadelphia studierte. Dort machte er auch seine ersten Kurzfilme. 1970 wechselte er dann ans Konservatorium des amerikanischen Filminstituts (AFI), war dann jedoch von den chaotischen Bedingungen, die er dort vorfand, abgeschreckt, wurde aber vom AFI-Dekan, der große Stücke auf ihn hielt, zum Bleiben überredet. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten mit anderen Projekten startete er in den Räumlichkeiten des Konservatoriums, in dem er später auch günstig leben konnte, 1972 seinen ersten abendfüllenden Spielfilm, der seine Regiekarriere begründen sollte.
„Eraserhead“ (1977)

Der düstere Horrorfilm „Eraserhead“ war ursprünglich auf eine Länge von 42 Minuten ausgelegt, das Drehbuch bestand nur aus 21 Seiten. Lynch drehte den Film mit befreundeten Studienkollegen, wie Produktionsdesigner Jack Fisk – dessen Ehefrau, die später Oscar-prämierte Schauspielerin Sissy Spacek („Coal Miner’s Daughter“, 1980), bei der Finanzierung half – Kameramann Frederick Elmes und dem Schauspieler Jack Nance, der die Hauptrolle eines Mannes spielte, der sich alleine um sein entstelltes Kind in einer desolaten Gegend kümmern muss, inspiriert von Lynch selbst, der mit dem Film auch seine Angst vor seiner Vaterschaft verarbeitete. Aufgrund von Finanzierungsschwierigkeiten zog sich die Produktion des Films über vier Jahre hin und konnte erst 1976 fertiggestellt werden. Mit „Eraserhead“ etabliert sich Lynch als fantasievoller, makabrer Geschichtenerzähler, der seine Filme mit vielen rätselhaften und auf den ersten Blick unzusammenhängenden Symboliken ausstattet. Der Tagtraum eines Jungen, der einen menschlichen Kopf auf der Straße findet, ihn in eine Bleistiftfabrik bringt, um dort Radiergummis daraus zu machen – deswegen auch der Titel „Eraserhead“ – bildete laut Lynch die Basis für den Film, wie auch eine einzelne Bibelzeile. Einflüsse bildeten auch, wie sollte es anders sein, Kafka und Nikolai Gogol. Großer Wert und viel Aufwand wurde in das innovative Sounddesign gelegt, für das Lynch selbst neben Alan Splet verantwortlich zeichnete, wie auch für die Musik des Films. Er schrieb den Text des eingänglichen Songs „In Heaven“, der von der „Frau im Heizkörper“ gesungen wird.
Obwohl kein großer Erfolg an den Kinokassen nach seiner Premiere im März 1977 und von einigen Kritikern als „Bad Taste“ verrissen, hat „Eraserhead“ über die Jahre großen Kultstatus errungen und wird von vielen angesehenen Kritikern als Meisterwerk gefeiert. Wie viele andere Kultfilme wird auch dieser bis heute regelmäßig in Mitternachtsvorstellungen auf der ganzen Welt gezeigt und gehuldigt.
„The Elephant Man“ (1980)

Ein grausam deformierter Charakter spielt auch eine zentrale Rolle in Lynchs zweitem Spielfilm, dieser entpuppt sich dann aber von der Tonalität ganz anders als sein furchteinflößender Vorgänger. „The Elephant Man“ basiert auf einer unglaublichen, weil wahren Geschichte eines Mannes, Joseph Merrick (John Hurt), im Film John genannt, der im London des späten 19. Jahrhunderts mit einem stark deformierten Kopf und Körper gelebt hat. Der feinfühlige Arzt Frederick Treves (Anthony Hopkins) entdeckt John in einem Zirkus, in dem er als „Freak“ ausgestellt wird, und befreit ihn aus den Händen des sadistischen Direktors Bytes (Freddie Jones). Treves kann ihn zwar nicht heilen, er, wie auch seine Frau und ärztliche Kollegen, behandeln John aber mit großem Respekt und Fürsorge, was John überwältigt und ein Stück Lebensmut zurückgibt. Doch Bytes gibt seine „Attraktion“ nicht so schnell wieder auf. Für mich ist dies sein bester Film. Stark gespielt, kraftvoll inszeniert, verliert „The Elephant Man“ nie das Menschliche an Merrick aus den Augen. Achtfach Oscar-nominiert, unter anderem für den besten Film, die Regie und Hurts phänomenale Performance unter Bergen von Make-Up, das jedoch keine Würdigung erfuhr, außer der Tatsache, dass im Jahr darauf eine eigene Kategorie für Make-Up und Hairstyling eingeführt wurde. Maßgeblich an der Verwirklichung des Projekts beteiligt war die Comedy-Legende Mel Brooks, der ungenannt als ausführender Produzent mit seinem Produktionsunternehmen beteiligt war und dessen Ehefrau Anne Bancroft in einer Nebenrolle als Schauspielerin Madge Kendal zu sehen ist.
„Dune“ (1984)

Nach diesem großen künstlerischen Erfolg erhielt Lynch von George Lucas das Angebot, den dritten „Star Wars“-Film „Return of the Jedi“ zu inszenieren, was er aber ablehnte. Stattdessen nahm er sich eines anderen Science-Fiction-Epos an, nämlich einer Verfilmung von Frank Herberts legendärem Roman „Dune“ aus dem Jahr 1965. Produzent Dino de Laurentiis‘ ehrgeiziger Plan, die gesamte Handlung des Werks über die politischen Ränkespiele verfeindeter Herzogtümer um einen strategisch wichtigen Planeten in einen einzigen zweieinhalbstündigen Film zu packen, ging jedoch nicht auf. Für damalige Verhältnisse astronomische 40 Millionen Dollar entstanden, konnte die mit Spannung erwartete Adaption seine Kosten jedoch nicht einspielen, und Lynch, der „Dune“ als den größten Fehlschlag seiner Karriere bezeichnete, weigerte sich seitdem beharrlich, über seine Erfahrungen an diesem Projekt zu sprechen. Was als Startschuss für ein weiteres lukratives Science-Fiction-Franchise geplant war, entwickelte sich zu einem Fiasko, auch wenn der Film, wie alle seines Regisseurs, nicht nur bei seinen Fans Kultstatus genießt.
„Blue Velvet“ (1986)

Folgerichtig kehrte Lynch großen Blockbuster-Produktionen den Rücken und besann sich auf seine eigenen Ideen. Eine solche hatte ihren Ursprung in seiner Kindheit, als er eines Tages eine hysterische Frau nackt durch die Straßen laufen sah, was den jungen David traumatisierte. Dieses Erlebnis verband er mit seiner abgründigen Ursprungsidee für einen neuen Film: den Fund eines menschlichen Ohrs in einer ansonsten idyllischen und friedliebenden Nachbarschaft. Das ist es nämlich, was der Protagonist in „Blue Velvet“, der junge Student Jeffrey (Kyle MacLachlan), findet. Die Tochter des örtlichen Polizisten, Sandy (Laura Dern), vermutet, dass die Nachtclubsängerin Dorothy Vallens (Isabella Rossellini) etwas damit zu tun haben könnte, und sie beginnen, Nachforschungen anzustellen, wodurch Jeffrey bald nicht nur in den Bann der schönen Frau gezogen wird, sondern auch mit dem unberechenbaren Psychopathen Frank Booth (Dennis Hopper) aneinandergerät. Das löst eine Spirale der Gewalt aus. Der Film war zu jener Zeit so kontrovers, dass sich Rossellinis Künstleragentur von ihr trennte. Für Hopper bedeutete der Film wiederum ein großes Comeback nach einigen Jahren ohne großen Erfolg und eine seiner ikonischsten Rollen.
Kritiker und Publikum waren aber zunächst gespalten über den künstlerischen Anspruch von „Blue Velvet“ und störten sich an seinen schockierenden Gewaltdarstellungen. Nichtsdestotrotz erhielt David Lynch seine zweite Oscar-Nominierung als Bester Regisseur. Mittlerweile gilt der Film als Meisterwerk; 2008 zählte ihn das amerikanische Filminstitut zu den 10 besten Mystery-Filmen aller Zeiten.
„Twin Peaks“ (1990 – 1992)

Drehbuchautor Mark Frost, der an der Crime-Serie „Hill Street Blues“ mitgeschrieben hatte, arbeitete mit Lynch zunächst an einem Film über Marilyn Monroe, der jedoch von Warner Bros. abgesagt wurde, und später an einem Skript mit dem Titel „One Saliva Bubble“, das ebenfalls nie verfilmt wurde. Auf Anraten seines Agenten Tony Krantz begann Lynch, eine Fernsehserie zu konzipieren, die seine Vision über den „American Way of Life“ darstellen sollte. Frost, Lynch und Krantz entwickelten dann den Schauplatz der Serie, eine Kleinstadt sowie den zentralen Plot der Serie, das Doppelleben eines beliebten Mädchens, das in ihrem Mord kulminiert. Die daraus resultierende Serie wurde als Mischung aus Polizeiermittlungskrimi, Seifenoper und Mystery-Thriller angelegt. Während des Autorenstreiks 1988 gepitcht, erklärte sich der Sender ABC bereit, einen Pilotfilm in Auftrag zu geben, der im darauffolgenden Jahr gedreht wurde. Trotz anfänglicher Bedenken seitens der Senderverantwortlichen – mit Ausnahme eines jungen Bob Iger, der später zum einflussreichen Disney-CEO aufsteigen sollte – wurde die erste Staffel mit sieben Episoden bestellt. „Twin Peaks“ erfuhr seine Uraufführung am 8. April 1990 und wurde zu einem zuvor noch nie dagewesenen popkulturellen Phänomen, das die amerikanische Serienlandschaft von Grund auf durchrüttelte. Fernsehzuschauer weltweit beschäftigte wochenlang nur eine Frage: „Wer hat Laura Palmer ermordet?“ Wäre es nach den Serienschöpfern gegangen, wäre diese Frage nie beantwortet worden, doch auf Drängen von ABC, die die Serie um eine zweite Staffel mit 22 Folgen verlängerte, gaben Lynch und Frost nach und enthüllten das große Mysterium in der 9. Folge der zweiten Staffel, der insgesamt 16. Danach brachen die Quoten und die Kritiken von „Twin Peaks“ ein, und die zunehmend komplexere Handlung tat ihr Übriges, sodass nach zwei Staffeln und 29 Folgen im Juni 1991 zumindest vorerst Schluss war.
Ein Jahr darauf drehte Lynch einen Film, der die Vorgeschichte zur Serie erzählt: „Twin Peaks: Fire Walk with Me“ (1992). Uraufgeführt im Wettbewerb des Filmfestivals in Cannes, polarisierte der Film die anwesenden Kritiker und das Publikum, darunter auch ein bitter enttäuschter Quentin Tarantino. Ursprünglich als Auftakt zu einer abschließenden Filmtrilogie konzipiert, wurden die geplanten Fortsetzungen nicht mehr realisiert. Mark Frost hatte das Projekt bereits verlassen, sodass Lynch das Drehbuch zu „Fire Walk with Me“ mit Robert Engels schrieb.
„Wild at Heart“ (1990)

Noch während Lynch mit der Produktion von „Twin Peaks“ beschäftigt war, stieß einer der Produzenten der Serie, Monty Montgomery, mit dem der Regisseur gut befreundet war, auf das noch unveröffentlichte Manuskript eines Romans des Schriftstellers Barry Gifford: „Wild at Heart: The Story of Sailor and Lula“. Montgomery, der den Text selbst verfilmen wollte, gab das Manuskript an Lynch weiter, den er als Produzent für das Projekt gewinnen wollte. Dem wiederum gefiel die Geschichte so gut, dass er die Adaption schließlich selbst übernahm, während Montgomery den Film produzierte.
Die Hauptrollen in dieser schwarzhumorigen Liebesgeschichte spielen Nicolas Cage als Sailor und Laura Dern als Lula. Das Glück der Beiden wird durch Lulas durchgeknallte Mutter (Diane Ladd, Laura Derns echte Mutter) bedroht, die dem jungen Paar allerhand zwielichtige und mitunter brutale Kriminelle auf den Hals hetzt. In Nebenrollen sind Willem Dafoe, Harry Dean Stanton, Crispin Glover, Isabella Rossellini und Sheryl Lee zu sehen. Lynch änderte für seine Verfilmung das Ende von Giffords Roman, und huldigte einen seiner Lieblingsfilme, das Fantasy-Märchen „The Wizard of Oz“ (1939). Nicolas Cage, bekennender Elvis-Superfan – er war später eine Zeit lang mit dessen einziger Tochter Lisa Marie verheiratet – darf einige Gesangseinlagen des „King of Rock ‚n‘ Roll“ zum Besten geben.
Nur einen Tag vor seiner Weltpremiere im Wettbewerb von Cannes 1990 fertiggestellt, verlieh die Jury unter dem Vorsitz der italienischen Regielegende Bernardo Bertolucci der Tragikomödie die „Palme d’Or“, unter Beifall und Buhrufen. Ladd erhielt für ihre Nebenrolle eine Oscar-Nominierung.
„Lost Highway“ (1997)

Lynch arbeitete auch bei seinem nächsten Filmprojekt mit Barry Gifford zusammen, und sie schrieben gemeinsam das Drehbuch zu „Lost Highway“, einem Neo-Noir-Mystery-Thriller über einen Musiker, Fred (Bill Pullman), dessen Leben durch einige unvorhergesehene und mysteriöse Ereignisse aus den Fugen gerät, und darüber hinaus in eine Identitätskrise stürzt. Fred und seine Frau Renee (Patricia Arquette) werden durch eine Reihe verstörender VHS-Kassetten und dem Auftauchen eines geheimnisvollen Mannes (Robert Blake) aus ihrem Idyll gerissen. Als Fred später wegen Mordes in der Todeszelle sitzt, tauscht er eines Nachts plötzlich seinen Platz mit dem unbescholtenen Automechaniker Pete (Balthazar Getty), und ein faszinierendes und doppelbödiges Vexierspiel nimmt seinen Lauf. Wer ist Pete? Warum sitzt er dort, wo Fred sitzen sollte? Was hat es mit Alice (ebenfalls Arquette) auf sich? Selten hat ein Titel – „Lost Highway“ – so gut zu seinem korrespondierenden Film gepasst, denn Lynch macht es seinem Publikum auch hier wieder nahezu unmöglich, auf den ersten Blick einen logischen Zusammenhang zwischen all den Ereignissen herzustellen. Es ist wie immer jedem Zuschauer selbst überlassen, die Bedeutung des Gesehenen zu entschlüsseln.
Einige Kritiker wie Roger Ebert, der bereits von „Wild at Heart“ nicht sonderlich angetan war, konnten mit diesem Thriller wenig bis nichts anfangen. Aber auch „Lost Highway“ hat, trotz Uneinigkeit unter Kritikern und kommerziellem Misserfolg, eine loyale Fangemeinde. Der Soundtrack, mit Liedern von Rammstein, den Smashing Pumpkins, David Bowie und Nine Inch Nails, wird dabei besonders hervorgehoben.
„The Straight Story“ (1999)

Während “Lost Highway” passenderweise ein surreales Verwirrspiel betitelte, trifft auch der Name von Lynchs Folgewerk den Nagel auf den Kopf: „The Straight Story“. Geradlinig erzählt, ohne doppelten Boden erzählt er in dem von John Roach und seiner langjährigen Produzentin und dritten Ehefrau Mary Sweeney geschriebenen Road Movie die berührende wahre Geschichte eines alten Mannes, Alvin Straight (Richard Farnsworth), der sich 1994 eines Tages auf seinen fahrbaren Rasenmäher setzt – für den er keinen Führerschein benötigt – und knapp 400 Kilometer von seinem Zuhause in Iowa nach Wisconsin fährt, um sich mit seinem schwerkranken älteren Bruder Lyle (Harry Dean Stanton) auszusöhnen, nachdem dieser einen Schlaganfall erleidet. Auf seinem beschwerlichen, mit allerlei Pannen durchzogenen Weg macht Alvin die Bekanntschaft mit einigen Menschen, die ihm helfen und denen er im Gegenzug ein paar Lebensweisheiten mitgibt.
Mit 79 Jahren spielt Farnsworth hier die Rolle seiner Karriere, und er war, bis Anthony Hopkins ihn 2020 übertraf, der älteste Hauptdarsteller, der für einen Oscar nominiert wurde. Bei den „Independent Spirit Awards“ setzte er sich schließlich durch. Die von den Disney Studios vertriebene Ballade wurde, wie schon einige von Lynchs vorigen Filmen, im Wettbewerb von Cannes uraufgeführt, bevor er im Herbst 1999 in die Kinos kam. Die Kritiken waren diesmal einhellig positiv.
„Mulholland Drive“ (2001)

Im selben Jahr, in dem Lynch „The Straight Story“ veröffentlichte, plante er eine neue Fernsehserie. Das Projekt sollte, wie bereits „Twin Peaks“, auf ABC ausgestrahlt werden. Basierend auf seinem Pitch, der die Studioverantwortlichen zunächst überzeugte, drehte er einen 90-minütigen Pilotfilm, für den er Laura Harring und Naomi Watts in den Hauptrollen besetzte. Doch nach Sichtung des Films blieb eine Serienbestellung seitens ABC aus. Obwohl er sich zunächst dagegen sträubte, nahm er das Angebot des französischen Unternehmens „StudioCanal“ an, den Film mit zusätzlichem Budget zu erweitern und als einigermaßen in sich abgeschlossenen Kinofilm zu produzieren. So wurde aus einem geplanten Serienevent eine 15 Millionen Dollar teure, amerikanisch-französische Independent-Ko-Produktion, die von Kritikern und Publikum zu einem der besten Filme des noch jungen 21. Jahrhunderts gezählt wird und dessen Inhalt, Bilder, Symbole und Charaktere seit jeher bis zur Erschöpfung diskutiert und analysiert werden. Dabei ist es stets wichtig zu betonen, dass es nicht eine definitive Antwort auf alle Fragen gibt, die „Mulholland Drive“ aufwirft, was auch David Lynch selbst stets betont. Dies steht emblematisch für sein Gesamtwerk. Zwar behauptet der Autor, dass es sich hier in der Tat um eine kohärente und stringente Geschichte handelt, und er gibt seinen Zuschauern auch ein paar praktische, wenn auch typisch kryptische Hinweise darauf, wie man den äußerst komplexen Plot entschlüsseln kann. Letztendlich muss jeder für sich selbst entscheiden, wie er das Gesehene interpretiert.
Konsens ist jedenfalls: eine geheimnisvolle Frau (Laura Harring) gerät auf dem titelgebenden „Mulholland Drive“ in Los Angeles in einen Autounfall, verliert dabei ihr Gedächtnis und findet später Zuflucht in einer nahegelegenen Wohnung, in die gerade die aufstrebende und naive junge Schauspielerin Betty (Naomi Watts) zieht. Die Unbekannte stellt sich ihr als Rita vor, nachdem sie ein Poster von „Gilda“ mit Rita Hayworth in der Hauptrolle an der Wand hängen sieht. Gemeinsam versuchen sie Ritas wahre Identität herauszufinden, während Betty für den neuen Film des jungen Regisseurs Adam Kesher (Justin Theroux) vorspricht, der wiederum um die weibliche Hauptrolle in seinem neuen Film kämpfen muss.
Ein elementares Thema in Lynchs Film ist – auch das ein wiederkehrendes Stilmittel – die Bedeutung von Träumen. An einem gewissen Punkt im Film, der je nach Auslegung der eigenen Interpretation variiert, kommt es zu einem Bruch zwischen der erträumten Illusion und der bitteren Realität. Verbindungen zwischen Figuren in beiden Welten werden offengelegt, was die Frage nach Identität aufwirft, ebenfalls ein beliebtes Thema Lynchs. Eine beliebte Theorie sieht „Mulholland Drive“ als bitterböse Satire auf das Sein und Schein der Glitzerwelt Hollywoods und seines mystischen Starkults, exemplarisch dargestellt durch die Rolle der Betty, die, fast schon ironisch, ihrer Darstellerin Naomi Watts zum großen Durchbruch verhalf.
Eine tiefergehende Diskussion über diesen Film würde nun wahrlich den Rahmen dieses Textes sprengen, weswegen es auch sinnentfremdet wäre, weiterzugehen. „Mulholland Drive“ gilt jedenfalls vielerorts als Lynchs Magnum Opus, und für viele als sein bester Film. Er brachte Lynch seine dritte und letzte Oscar-Nominierung für die beste Regie ein, und die „Hollywood Foreign Press Association“ nominierte den Film für vier Golden Globes: als bestes Filmdrama, für Angelo Badalamentis Musik sowie für Lynchs Regie und Drehbuch.
„Inland Empire“ (2006)

Für seinen zehnten und letzten Spielfilm blieb Lynch seiner surrealen und ironischen Dekonstruktion von Hollywood aus seinem direkten Vorgänger treu und drehte, mit einem Camcorder, den experimentellen Psychothriller „Inland Empire“. Viele der Szenen wurden in Polen mit lokalen Schauspielern gedreht, darunter auch Sequenzen, die in den 1930er Jahren spielen. Laura Dern, in ihrer dritten Zusammenarbeit mit dem Regisseur nach „Blue Velvet“ und „Wild at Heart“, spielt die Hauptrolle einer Schauspielerin, Nikki, die eine begehrte Rolle in einer verfluchten Produktion ergattert. Für Nikki verschwimmen bald die Grenzen zwischen ihrer Realität und jener des Films und die Beziehung zu ihrem polnischen Ehemann Piotrek (Peter J. Lukas) und ihrem Schauspielpartner Devon (Justin Theroux) sowie dessen Ehefrau Doris (Julia Ormond) wird einer Belastungsprobe unterzogen.
Lynchs fragmentarisches Psychogramm eines Hollywood-Starlets mit Problemen wurde ohne fertiges Drehbuch gedreht, was bei dieser dreistündigen Flut an Bildern und Ideen wohl wenig überraschen dürfte. Das wiederum erlaubt es Lynch, ein letztes Mal sein Publikum mit Sinneseindrücken herauszufordern, zu faszinieren, und zum angeregten Nachdenken zu animieren. Auch hier gäbe es weit mehr Interpretationsmöglichkeiten, als es an dieser Stelle Raum gibt, diese zu erörtern. Lynchs Faszination für abgründige, albtraumhafte und unergründliche Rätsel findet auch in „Inland Empire“ zu einer Formvollendung, auf die man sich als aufgeschlossener Zuschauer einlassen muss. Wer eine weise Antwort auf seine Fragen erhalten will, muss, wie es Goethe so treffend formulierte, vernünftige Fragen stellen. Lynch selbst beantwortete jedenfalls keine.
In Venedig, wo Lynch den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk erhielt, nahm der Film im Wettbewerb teil, und obwohl Laura Dern für ihre Darbietung hoch gelobt wurde und ihr Regisseur mit unkonventionellen Mitteln Werbung für sie machte, reichte es am Ende nicht zu Preisnominierungen. „Inland Empire“ gilt aber in jedem Fall bei Kritikern als gelungene Coda einer außergewöhnlichen Filmografie.
„Twin Peaks: The Return“ (2017)

Im Oktober 2014 machte, nach Jahren der Funkstille rund um David Lynch, eine absolute Sensationsmeldung die Runde: über zwei Jahrzehnte nach dem eher unrühmlichen vorzeitigen Ende soll die Kultserie „Twin Peaks“ als neunteiliges Serienevent zurückgebracht werden, das die Handlung des Originals rund um FBI-Agent Dale Cooper (Kyle McLachlan) und der verschrobenen Einwohner der titelgebenden Kleinstadt nach 25 Jahren fortsetzt. Im Frühjahr 2015 stieg Lynch jedoch kurzzeitig aus dem Projekt aus, als es zu Unstimmigkeiten zwischen „Showtime“, dem neuen Sender von „Twin Peaks“, und den Produzenten hinsichtlich des Budgets gekommen war. Nachdem diese jedoch geklärt werden konnten und Lynch als Ko-Autor und Regisseur zurückkehrte, wurde die Anzahl der Episoden schließlich sogar auf 18 verdoppelt. Die langerwartete Rückkehr der stilbildenden Mystery-Serie wurde auf Mai 2017 datiert, 25 Jahre nach der Veröffentlichung des Films „Fire Walk with Me“. Neben Lynch war auch sein Kreativpartner von damals, Mark Frost, wieder als Ko-Autor mit von der Partie. Insgesamt standen über 200 Schauspielerinnen und Schauspieler für die 18 Folgen vor der Kamera, darunter solch illustre Namen wie Richard Chamberlain, Naomi Watts, David Duchovny, Amanda Seyfried, Michael Cera, Robert Forster, Piper Laurie, Russ Tamblyn, Ernie Hudson, James Belushi und viele, viele mehr.
Nach der enttäuschenden zweiten Staffel und der polarisierenden Rezeption des Prequel-Films kehrte die dritte Staffel zu alter Stärke zurück. Ein letztes Mal fährt Lynch all seine abgründigen Visionen auf und taucht noch tiefer in das ohnehin schon kopfzerbrechende, verschlungene und hypnotisierende Mysterium von „Twin Peaks“ ein. MacLachlan erhielt für seine Paraderolle eine Golden-Globe-Nominierung, bei den „Primetime Emmy Awards“ 2018 erhielt das verspätete Revival insgesamt neun Nominierungen, darunter auch für Lynchs Regie und für seine und Frosts Schreibarbeit.
Letzte Jahre

In seinen letzten Lebensjahren blieb Lynch weiterhin vielseitig aktiv: während der COVID19-Pandemie betätigte er sich auf seinem YouTube-Kanal bis Dezember 2022 tagtäglich als Wetterfrosch. Für die Lernplattform „Masterclass“ stellte er sein Wissen und seine Expertise in 13 inspirierenden Kapiteln einem interessierten internationalen Publikum zur Verfügung – inklusive einer kurzen Einführung in transzendentale Meditation.
2022 übernahm er schließlich eine kurze Gastrolle in Steven Spielbergs autobiografischem Melodram „The Fabelmans“, in dem Spielberg seine bewegte Kindheit und seinen Weg zu einem der erfolgreichsten Filmemacher der Geschichte rekapituliert. Am Ende des Films trifft Spielbergs Surrogat, der aufstrebende Jungregisseur Sammy Fabelman (Gabriel LaBelle), auf sein großes Idol, den legendären Filmemacher John Ford – gespielt vom großen David Lynch, dem Fords charakteristische Augenklappe sehr gut steht. In dieser kurzen, rund vierminütigen Sequenz, in der Ford dem nervösen Jungspund das Geheimnis eines guten Films verrät, sichert sich Lynch endgültig seinen Platz im Olymp der großen Filmschaffenden Hollywoods – als jemand, der sich den Begriff „Traumfabrik“ mehr als nur zu Herzen genommen hat. Auch heute noch sind Lynchs Träume, die er als Ausgangspunkt für seine filmischen Kunstwerke nahm, faszinierender, spannender und inspirierender als das, was wir heute als graue Masse der degenerierenden Unterhaltungsindustrie wahrnehmen müssen. Mit David Lynch hat uns einer der Wenigen verlassen, die sich noch gewagt haben, Originelles und gegen jeden kommerziellen Instinkt und Massentauglichkeit gebürstetes Kino zu produzieren. Dafür sollten wir ihm dankbar sein.