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Filme wie diesen gibt es kaum noch: Brady Corbet zelebriert und hinterfragt den amerikanischen Traum anhand der bewegten Geschichte eines ungarischen Kriegsflüchtlings in einem aufwendig produzierten Historiendrama

Das Gefühl, etwas wirklich Episches im Kino vorgesetzt zu bekommen, ist seit einigen Jahren nur noch ganz selten aufgekommen. Jedenfalls geht es mir so. Ja, das gemeinschaftliche Gefühl, in einem vollgestopften IMAX-Saal die Zusammenkunft der „Avengers“ zu ihrem „Endgame“ zu feiern oder über die Rückkehr von Luke Skywalker nach über 30 Jahren in „Star Wars: The Last Jedi“ zu jubeln, erzeugt immer noch Gänsehaut beim schieren Gedanken daran. Aber das Gegenwartskino fühlt sich dennoch mehr wie ein Besuch im Schnellrestaurant an anstatt, wie zu früheren Zeiten, genauer gesagt vor meiner Zeit, wie ein Galadinner in einem Gourmettempel. Man spricht in diesem Zusammenhang von klassischen, epischen Filmen gerne mal von einem „Schinken“, der einem vorgesetzt wird. Das Wiener Gartenbaukino hat seine wiederkehrende Reihe von Wiederaufführungen großer Klassiker der Filmgeschichte auch genau so betitelt. Aber ich würde doch stark bezweifeln, dass die großen, publikumswirksamen Blockbuster der jüngeren Vergangenheit auch nur in die Nähe großer Hollywood-Prachtschinken der 50er und 60er Jahre platziert werden.

Nun schickt sich aber ein hoffnungsvoller Jungspund auf dem Regiestuhl an, etwas von dem alten Glanz des klassischen Hollywood zurückzubringen. Brady Corbet steht mit gerade einmal 36 Jahren noch ganz am Anfang einer hoffentlich langen und fruchtbaren Karriere als Filmemacher. Begonnen hat er aber vor der Kamera im Alter von gerade einmal 11 Jahren in einer Episode der erfolgreichen Kevin James-Sitcom „King of Queens“. Sein Filmdebüt gab er 2003 in Catherine Hardwickes aufwühlendem Teenie-Drama „Thirteen“. 2006 durfte er in sechs Episoden der überragenden fünften Staffel der Echtzeit-Actionserie „24“ an der Seite von Kiefer Sutherlands legendärem Antiterroragenten Jack Bauer agieren und im Jahr darauf übertrug ihm das österreichische Enfant Terrible Michael Haneke eine der beiden unvergesslichen Schurkenrollen in dessen amerikanischem Remake von „Funny Games“. Corbet zog es aber lieber hinter die Kamera: seine letzten Schauspielrollen übernahm er 2014, seitdem konzentriert er sich auf das Schreiben, Produzieren und Inszenieren. Sein Regiedebüt gab er 2015 mit „The Childhood of a Leader“ nach einer Vorlage von Jean-Paul Sartre, der ihm in der „Orrizonti“-Sektion des Venediger Filmfestivals den Regiepreis eintrug. Mutig, seine Karriere mit einer Sartre-Adaption zu starten. 2018 entstand dann das sperrige Drama „Vox Lux“ über einen Popstar (Natalie Portman), deren Leben und Karriere sowohl im Teenager- als auch im Erwachsenen-Alter von mehreren Terroranschlägen maßgeblich beeinflusst wird. Sein dritter Film, „The Brutalist“, feierte im September 2024 im Rahmen des Hauptbewerbs von Venedig seine Uraufführung – erneut gewann er den Regiepreis – und wird seitdem von Cineasten weltweit sehnsüchtig erwartet und von Award-Experten als ganz heißes Eisen gehandelt – zu Recht.

© 2024 Focus Features, Universal Pictures. The Brutalist, Brady Corbet, Vereinigtes Königreich 2024, V’24 Features

Ein Blick auf die Eckdaten von „The Brutalist“ lässt auf ein außergewöhnliches Unterfangen schließen: produziert mit einem Budget von nicht mehr als 10 Millionen Dollar (!), umspannt das Originaldrehbuch (!) über 30 Jahre im Leben eines ungarischen Architekten und Holocaust-Überlebenden, das auf 35mm-Vistavision-Film gedrehte und auf 70mm Vistavision transformierte Drama nimmt stolze 215 Minuten (!) in Anspruch. Mit einbezogen ist aber auch eine 15minütige Intermission, die mit Musik und einem Standbild den Film in zwei Kapitel und einem Epilog unterteilt. Für die Hauptrollen gewann Corbet gestandene Charakterdarsteller, die um einiges älter und erfahrener sind als er selbst. Adrien Brody brilliert, wie schon vor 22 Jahren in Roman Polanskis meisterhafter Filmbiografie „The Pianist“, als Überlebender der Schrecken des Holocaust. Spielte er damals den polnischen Musiker Władysław Szpilman, dessen spannende Odyssee Brody körperlich wie psychisch an seine Grenzen führte und mit dem Oscar belohnt wurde, porträtiert er hier den fiktiven ungarischen Architekten László Tóth, der 1947 in die Vereinigten Staaten emigriert und dort von seinem Cousin Attila (Alessandro Nivola) empfangen wird, der ihn zunächst bei sich aufnimmt und in seinem Möbelladen arbeiten lässt. Doch Attilas eifersüchtige katholische Frau Audrey (Emma Laird), die gegen László intrigiert und ein vermeintlich vermasselter Auftrag im Haus des vermögenden Geschäftsmanns Harrison Lee Van Buren (Guy Pearce) sorgen dafür, dass er wieder auf der Straße landet. Doch Van Buren erkennt Lászlós Talent spät aber doch an, denn die Bibliothek, die er in seinem Arbeitszimmer geplant hat, wird als architektonisches Meisterwerk gefeiert. Van Buren beauftragt Tóth daher mit der Planung und dem Bau eines Gemeinschaftszentrums auf dem Hügel seines Anwesens, das nicht nur als Andenken an Van Burens verstorbene Mutter, sondern auch als Zusammenkunft der verschiedenen Religionen konzipiert werden soll. Dank der einflussreichen Kontakte seines Gönners gelingt es László auch, seine Frau Erzsébet (Felicity Jones), die durch Unterernährung und Kriegstrauma an Osteoporose erkrankt ist und im Rollstuhl sitzt, und seine wortkarge Nichte Zsófia (Raffey Cassidy) zu sich nach Pennsylvania zu holen. Doch das ambitionierte und von vielen Meinungsverschiedenheiten und Zwischenfällen verkomplizierte Bauvorhaben und familiäre Spannungen setzen ihm enorm zu.

The Brutalist“ ist episches Kino im besten Sinne: er erzählt überhaupt keine ausschweifende Geschichte, trotz der beachtlichen Laufzeit und der langen Zeitperiode, der er sich annimmt. Überhaupt ist der Film ruhig und elegant inszeniert, und Corbet beweist eine sichere Hand. Nur in den ersten Minuten, bei der von Erzsébets aus dem Off vorgelesenem Brief begleiteten hektischen transatlantischen Überfahrt, die den Zuschauer unvermittelt ins Geschehen wirft, wird es etwas chaotisch. Der Rest ist dann aber eine in wunderschönen Bildern inszenierte und mit einer angenehm wohlklingenden Filmmusik untermalte Geschichte, bei der zu keiner Minute so etwas wie Langeweile aufkommt. Klar, man hätte den Film auch mehr straffen können, ob er sich dann aber auch so gut entfaltet und eine elegische Atmosphäre aufgebaut hätte, darüber lässt sich streiten. „The Brutalist“ ist jedenfalls handwerklich einer der schönsten Filme seit einiger Zeit.

Und dann sind da noch seine formidablen Schauspieler: durch die Bank exzellent besetzt und mit viel Raum zur charakterlichen Entfaltung ausgestattet, stechen hier ganz besonders Adrien Brody in seiner besten Rolle seit, ja, „The Pianist“ und Guy Pearce hervor. Es ist wirklich faszinierend, den Beiden hier zuzuschauen. Besonders Brody bringt eine ungeheure Intensität und Emotion in seine Szenen, die nachhallen. Jones glänzt wiederum mit einer körperlich sehr anspruchsvollen Performance, während von den Nebendarstellern noch Joe Alwyn als Van Burens verzogener Sohn Harry Lee in Erinnerung bleibt.

Ein Brett von einem Film, im positiven Sinn. Imposant bebildert, elegant inszeniert und famos gespielt, erfordert „The Brutalist“ zwar viel Ausdauer, man wird aber mit einem filmischen Ereignis belohnt, von dem man nicht wusste, dass es ein solches noch geben kann und man sich anschließend wünschen wird, es noch einmal für sich neu entdecken zu können und es mehr solcher altmodisch anmutender Epen fürs moderne Publikum gäbe.

Wertung: vier von vier Sternen!

Trailer:



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