Jacques Audiards neuester Streich gilt bereits jetzt als einer der ganz großen Favoriten der kommenden Award-Saison und begeistert sein Publikum mit einem abgefahrenen Genremix. Wird das Musical-Drama seinen hohen Erwartungen gerecht?
Musicals sind nicht jedermanns Sache, das mussten vor kurzem Todd Phillips und Joaquin Phoenix auf die harte Tour erfahren. Ihr „Joker“-Sequel, „Folie à Deux“, haben sie als aufwendiges, 200 Millionen Dollar teures Spektakel voller (schiefer) Gesangseinlagen aufgezogen und noch dazu Superstar Lady Gaga als Harley Quinn mit ins Boot geholt. Die Ergebnisse: katastrophal. Fans von Comic-Verfilmungen sind nun eben nicht gleich Fans von Gesang und Tanz. Dokumentarfilmer Joshua Oppenheimer verband für sein Spielfilmdebüt „The End“ ein Endzeitszenario, das in einem unterirdischen Bunker spielt, mit Musical-Elementen und erhielt zumindest bessere Kritiken als der Comic-Blockbuster. Wenn es aber ein Musical gibt, das im Jahr 2024 das Potenzial hat, sowohl Kritiker wie auch Publikum von den Socken zu hauen, dann ist es „Emilia Pérez“ des französischen Autorenfilmers Jacques Audiard. Ein wilder Ritt von Anfang bis Ende, erzählt er hier eine Geschichte über Identität, Selbstbild und Selbstverwirklichung, Genderpolitik, Schuld und Sühne und verpackt es in eine pulsierende Abfolge schmissiger Gesangs- und Tanzdarbietungen. All das vermischt er mit Zutaten eines Gangsterkrimis. Eine abgefahrenere Genremischung habe ich schon seit langer Zeit nicht mehr gesehen.

Rita Mora Castro (Zoë Saldaña) ist eine ehrgeizige, wenn auch unterbezahlte Anwältin, die von ihrem Job frustriert ist. Eines Tages wird sie vom gefürchteten mexikanischen Drogenboss Manitas Del Monte (Karla Sofia Gascón) kontaktiert. Rita soll ihm helfen, einen geeigneten Chirurgen zu finden, der seine Geschlechtsumwandlung zu einer Frau vollenden soll. In Dr. Wasserman (Mark Ivanir) wird sie schließlich fündig und Del Monte kann tatsächlich sein altes Leben hinter sich lassen und sich als Emilia Pérez (ebenfalls Gascón) eine neue Identität aufbauen. Dafür bleiben dann aber auch Manitas‘ vernachlässigte Frau Jessi (Selena Gomez) und die beiden Söhne auf der Strecke. Jahre später kommt es in London zum Wiedersehen zwischen Rita und Emilia. Nun soll Rita sie wieder mit ihrer Familie zusammenbringen, die von „Tante“ Emilias wahrer Identität nichts ahnt. Gleichzeitig will Emilia mit der Gründung einer NGO ihre vergangenen kriminellen Aktivitäten wiedergutmachen, und verliebt sich in die verwitwete Epifanía (Adriana Paz).
„Emilia Pérez“ strotz nur so vor Energie und Opulenz und wirkt, im Nachhinein betrachtet, wie eine peppig-bunte Rock-Oper, was durchaus Sinn ergibt, wenn man bedenkt, dass Audiard den Stoff ursprünglich als solche angelegt hat. Ob im Gerichtssaal, in einer chirurgischen Praxis oder während einer Fundraising-Gala: hier wird gesungen, getanzt und performt, bis sich die Balken biegen. Das mag bisweilen etwas gewöhnungsbedürftig anmuten, trägt aber zum unverwechselbaren Charme dieses Werks maßgeblich bei. Audiard, der bei der Erstellung des Treatments mit Thomas Bidegain zusammenarbeitete, nahm eine Randfigur in einem Kapitel des Romans „Écoute“ (2018) von Boris Razon als Inspiration für seinen Film her, setzt das Geschehen mit viel extravagantem Flair in Szene und beweist viel Stilsicherheit, ohne jemals seine Figuren ins Lächerliche zu ziehen oder die Handlung allzu sehr von der Realität abdriften zu lassen. Er nimmt seine Hauptfigur zu jeder Zeit ernst und gibt ihr einen Handlungsbogen, der viel Raum zur Entwicklung gibt und mit einer facettenreichen Bandbreite ausgestattet ist, von Coolness bis hin zu emotionaler Verletzlichkeit.

Dies ist ein Film, der von seinen drei Frauenfiguren getragen wird. Zoë Saldaña, Selena Gomez und ganz besonders Karla Sofia Gascón in ihrer herausfordernden Doppelrolle spielen, singen und tanzen stark und liefern jeweils schauspielerische Sternstunden ab. Adriana Paz als Vierte im Bunde kommt leider etwas zu kurz. Saldaña darf das Image als Science-Fiction-Heroine endlich abschütteln und andere Ecken ihres darstellerischen Spektrums ausloten. Ihr Tanztalent bewies sie bereits in jungen Jahren in „Center Stage“ (2000), dass sie aber auch eine Gabe fürs Singen hat, überrascht sicher nicht nur mich. Gomez wiederum beweist endgültig, dass sie nicht nur ein gefeierter Pop-Star ist, sondern auch eine talentierte Aktrice in ihr steckt, die viel Emotion in ihre Figur einfließen lässt. Aber selbst das verblasst neben der Furchtlosigkeit und Wandelbarkeit einer Karla Sofia Gascón. Die 52jährige Transgender-Aktrice aus Spanien, die mit dem Gewinn des Darstellerpreises an der Seite ihrer Kolleginnen Geschichte schrieb, war zuvor nur in ihrem Heimatland in Telenovelas und wenig beachteten Filmen zu sehen, liefert hier aber eine fantastische Vorstellung ab, die ihre Transformation vom ruchlosen Kartellboss zur mitfühlenden und sympathischen Powerfrau glaubwürdig macht. Ihre Präsenz hebt sie von ihren Co-Stars hervor, was durchaus wichtig ist, denn Emilia ist das Herzstück der Geschichte, mit der alles steht und fällt.
Was wie eine eigenartige Mischung aus John Cameron Mitchells „Hedwig and the Angry Inch“, einer tragischen Oper a la Verdi, Puccini oder Wagner und eines stylischen Gangster-Thrillers anmutet, wird in den Händen Audiards zu einer rauschhaften Achterbahnfahrt der Emotionen voller mitreißender und ins Ohr gehender Songs und einer Riege fantastisch aufspielender Frauen. Und ein wichtiges Plädoyer fürs eigene Selbstbild im Zeitalter der Genderfluidität.
Wertung: vier von vier Sternen!
Trailer: