Skip to main content

Steven Spielberg schickt Tom Cruise in einem futuristischen Setting auf eine spannende und philosophisch herausfordernde Schnitzeljagd

Es ist wirklich beeindruckend und immer wieder erstaunlich, wie manche Filme die Zukunft derart überzeugend und vorausschauend clever darstellen können, dass man, wenn man sie dann Jahre später wieder anschaut, verblüffende Parallelen mit unserer tatsächlichen Gegenwart entdeckt. Steven Spielbergs Science-Fiction-Thriller „Minority Report“ ist genau so ein Film. Einer seiner absolut besten Filme, über den aber gerade in den letzten Jahren immer weniger gesprochen wird. Dabei ist der Film handwerklich wie dramaturgisch meisterhaft umgesetzt.

© 2002 20th Century Studios. Alle Rechte vorbehalten.

Washington, D.C., 2054: dank der Polizeieinheit „PreCrime“, angeführt von John Anderton (Tom Cruise), ist das Verbrechen in der amerikanischen Bundeshauptstadt nahezu komplett bekämpft worden. Dank dreier hellseherisch begabter Menschen, den sogenannten „PreCogs“ – Agatha (Samantha Morton) und die Zwillinge Arthur und Dashiell – können nämlich potenzielle Täter und ihre Opfer bereits im Vorhinein identifiziert und die Verbrechen, mit ein bisschen Recherchearbeit der Polizisten, rechtzeitig verhindert werden. Das Experiment scheint so gut zu laufen, dass die Einheit, gegründet von Lamar Burgess (Max von Sydow), bald in allen amerikanischen Bundesstaaten eingeführt werden soll. Aus diesem Grund entsendet die Regierung den Beamten Danny Witwer (Colin Farrell) zu einer gründlichen Begutachtung. Ausgerechnet jetzt wird Anderton als Mörder eines Mannes namens Leo Crow (Mike Binder) prognostiziert. Anderton, der den Mann noch nie zuvor gesehen hat und von der Unfehlbarkeit von „PreCrime“ überzeugt ist – nicht zuletzt wegen der nagenden Schuldgefühle über das spurlose Verschwinden seines kleinen Sohns Sean kurz vor Beginn des Experiments – muss nicht nur vor seinen Kollegen und Witwer fliehen, sondern auch beweisen, dass er kein Mörder ist. Dabei stößt er auf ein ausgeklügeltes Komplott, dass das gesamte System infragestellt und die Grenzen von Rechtschaffenheit und Moral auslotet.

Anders als viele Science-Fiction-Abenteuer des 21. Jahrhunderts, welche auf spektakuläre, am Computer generierte Spezialeffekte und bombastische Schauwerte setzen, wählt Spielberg einen interessanteren und weitaus intellektuelleren Zugang. Er nutzt die Vorlage des bekannten Schriftstellers Philip K. Dick (auf dessen Geschichten u.a. die Filme „Blade Runner“ (1982) und „Total Recall“ (1990) basieren), um eine komplexe Zukunftsvision zu kreieren, die während und vor allem nach dem Film beim Zuschauer viele Fragen aufwerfen werden. Kann man sein Schicksal wirklich selbst bestimmen oder ist der Weg, unabhängig vom eigenen Handeln, vorherbestimmt? Und wenn man seine Bestimmung und das resultierende Ereignis dann tatsächlich kennt, ist das Schicksal dann trotzdem besiegelt? Die Frage nach dem freien Willen ist ein bestimmendes Thema des Films. Die moralische Frage, wonach es gerechtfertigt ist, einen potenziellen Mörder für eine Tat zu verhaften, die er letztendlich dann aber nie begangen hat, stellt sich dann gleich anschließend, wobei hier intelligenterweise zwischen Taten aus einem Affekt heraus und lange geplanten Straftaten unterschieden werden kann. Auch wenn diese Konzepte hochkomplex sind und im Rahmen der Filmhandlung nur kurz besprochen werden, erschließt sich einem, sofern man gewillt ist, der Geschichte hochkonzentriert und emotional und intellektuell involviert zu folgen, der Plot nahezu lückenlos. Eine beachtliche dramaturgische Leistung.

© 2002 20th Century Studios. Alle Rechte vorbehalten.

Viel imposanter ist aber die Weitsicht der Filmemacher. Viele Designs und technische Innovationen, die anno 2002 noch utopisch erschienen, haben längst Einzug in unseren gegenwärtigen Alltag gefunden. Die Touchscreens, die Tom Cruise wie ein virtuoser Dirigent bedient. Selbstfahrende Autos, auch wenn diese längst nicht so omnipräsent sind wie in dieser Zukunftsvision. Iris-Scans. Aber vor allem die gesellschaftlichen Aspekte, vordergründig das sukzessive Eindringen des Staates in das Leben der Menschen und der Abbau jeglicher Privatsphäre, kapitalistische Werbekampagnen, die auf die eigenen persönlichen Bedürfnisse und Behaglichkeit angepasst und ausgerichtet sind. Und natürlich die Auswüchse eines Überwachungsapparates. Man könnte „Minority Report“ durchaus den Vorwurf entgegenhalten, inzwischen aus der Zeit gefallen zu sein, stattdessen aber sollte man ihn für seine weise Voraussicht loben, denn selbst heute noch dient Spielbergs Film als Inspirationsquelle für Technologieunternehmen.

Unterm Strich ist „Minority Report“ ein kluger, gesellschafts- und innovationskritischer Film, der zum eingehenden Reflektieren und Analysieren einlädt. Und der neben Christopher Nolans Filmen „Inception“ (2010) und „Interstellar“ (2014), die weitaus mehr Beachtung finden als diese Genreperle, sicherlich zu den wegweisendsten und besten Science-Fiction-Filmen des bisherigen 21. Jahrhunderts zählt.  

Trailer:

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Manuel Stephan

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen