Skip to main content

Meisterregisseur Paweł Pawlikowski schickt Hanns Zischler als Literaturnobelpreisträger Thomas Mann mit seiner Tochter Erika auf eine schicksalhafte Reise durch ein gespaltenes Nachkriegsdeutschland

© 2026 MUBI, Polyfilm. Alle Rechte vorbehalten.

Acht lange Jahre sind vergangen, seit uns Paweł Pawlikowski mit seinem autobiografischen Liebesdrama „Zimna wojna (Cold War)“ beglückte und mich rundum begeisterte. Die komplizierte Liebes-Hass-Geschichte zwischen zwei begnadeten Musikern, inspiriert von Pawlikowskis eigenen Eltern, ist so stimmungsvoll inszeniert und von Tomasz Kot und Joanna Kulig kraftvoll gespielt, dass sich dieser Film für immer in mein Gedächtnis eingebrannt hat. Wie aber soll der polnische Filmemacher an ein absolutes Meisterwerk anschließen? Was hat er noch im Köcher, dass ein Publikum für sich einnehmen könnte? Zunächst einmal nimmt Pawlikowski etwas Abstand zu seinen Protagonisten und liefert nicht noch einen persönlichen Film nach „Ida“ (2014, Oscar für den besten internationalen Film) und eben „Cold War“ ab. Das soll aber nicht heißen, dass er hier mit angezogener Handbremse oder unnötiger Kühle vorgeht.

Vaterland“, vormals unter dem Arbeitstitel „1949“ bekannt, spielt in eben diesem Jahr und handelt vom deutschen Schriftsteller Thomas Mann, der 1929 den Nobelpreis für Literatur gewonnen hat. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrt er nach Deutschland zurück, und soll dort zwanzig Jahre nach seinem großen Triumph mit der Nobel-Akademie mit einem zweiten Goethe-Preis ausgezeichnet werden. Zu diesem Anlass wird er von seiner Tochter Erika begleitet, die auf Pressekonferenzen für ihn dolmetscht. Sie versucht, ihren Bruder Klaus dazu zu bewegen, aus Cannes anzureisen, um den Feierlichkeiten beizuwohnen, doch ist Klaus zu deprimiert, zumal Theaterschauspieler und Regisseur Gustaf Gründgens (Joachim Meyerhoff), Erikas Exmann, seinen Roman „Mephisto“ bekämpft hat, der implizit auf Gründgens und seinen Opportunismus Bezug nimmt. Die Reise, die von Frankfurt am Main nach dem von den Sowjets besetzten Leipzig führt, ist für Thomas und Erika so schon emotional und schwierig genug.

© 2026 MUBI, Polyfilm. Alle Rechte vorbehalten.

Immer wieder beschlich mich beim Sehen des Films das Gefühl, dass es hier nicht nur um die Zustände in Europa im Jahr 1949 geht, sondern auch eine Brücke zur Gegenwart geschlagen wird. Die heutige gesellschaftliche Spaltung, die sich zunehmend verschlimmert, hat erschreckende Parallelen zum Kalten Krieg, die Links-Rechts-Dichotomie ist so frappierend wie eh und je. Genau das macht „Vaterland“ nicht nur zu einem filmischen Dokument des Nachkriegsdeutschland, sondern auch, und das ist schon sehr bedrückend, wenn man sich das vor Augen führt, eines jener Zeit, in der dieser Film entstanden ist. Die Erfahrungen, die Thomas und Erika Mann besonders in Leipzig machen, mit dem kommunistischen sowjetischen Regime, sind einprägsam. Thomas versucht nach außen hin eine gewisse Gleichgültigkeit hinsichtlich politischer Themen vorzugeben, was Erika wiederum schwer zusetzt. Und wie weit darf der Regierungsapparat in Sachen Meinungs-, Rede- und Gedankenfreiheit eingreifen? Wohlgemerkt spielt der Film auch zur Zeit der US-amerikanischen McCarthy-Ära, worauf in einer Interviewszene Bezug genommen wird, könnte Thomas als Exilant in den USA doch Probleme mit dem Kongresskomitee für unamerikanische Umtriebe bekommen, wenn er ins sowjetisch besetzte Leipzig reist.

Vaterland“ ist politisch immens aufgeladen, im Kern aber eine ergreifende Familiengeschichte, wie sie in der Tradition von Pawlikowski steht. Thomas, Erika und auch Klaus stehen sich sehr nahe, was ihre persönlichen Schicksalsschläge umso greifbarer macht. Und auch wenn August Diehl in seiner Rolle als Klaus nur wenige Momente hat, so nutzt der Charakterdarsteller diese gekonnt mit einer ihm typischen Intensität aus. Das Herzstück des Films bildet natürlich sein kongeniales Vater-Tochter-Duo, und der erfahrene Hanns Zischler und eine gewohnt bestechende Sandra Hüller harmonieren in der Hinsicht wirklich außerordentlich. Bei Hüller dürften einem wohl langsam wirklich die Superlativen ausgehen, denn was die 48-jährige Aktrice allein in diesem Jahr an diversen und ausdrucksstarken Rollen auf der Kinoleinwand verkörpert hat, stellt alle ihre Kolleginnen in den Schatten. Es scheint ihr mühelos zu gelingen, von einer schwierigen Figur in die nächste zu schlüpfen, und jede mit einer ganz eigenen Ausstrahlung auszustatten, ohne dabei ihre ganz eigene Essenz einzubüßen. Wie sie und Zischler diesen doch recht kurz gehaltenen Film – 82 Minuten – das ist Schauspielkunst.

© 2026 MUBI, Polyfilm. Alle Rechte vorbehalten.

Natürlich hat auch Regisseur und Ko-Autor Paweł Pawlikowski großen Anteil am Erfolg dieses Films, und er erhielt zurecht einen der Regiepreise beim Filmfestival in Cannes. Ohne viel Melodramatik oder Effekthascherei zeigt er hier einen großen Literaten in einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs. Die Arbeit mit seinem Kameramann Łukasz Żal bringt wieder einige malerisch schöne Bilder hervor, die in Schwarz-Weiß eine elegante Ästhetik entfalten. Technisch und künstlerisch bewegen sich Pawlikowski sowie sein Cast und seine Crew einmal mehr auf hohem Niveau.

Ein Film über die Vergangenheit wie auch der Gegenwart, gelingt Pawlikowski mit „Vaterland“ ein wichtiges Drama über den Stellenwert der Kunst in schwierigen politischen Zeiten und die Auswirkungen, die Einschnitte in ihre freie Ausübung auf Künstler auf persönlicher Ebene nehmen können. Anhand der berühmten Schriftstellerfamilie Mann ist dies besonders eindrucksvoll ausgearbeitet. Ein weiteres Meisterstück eines Ausnahmefilmemachers.

Wertung: vier von vier Sternen!

Trailer:

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Manuel Stephan

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen