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Guillermo del Toro erfüllt sich einen langjährigen Herzenswunsch und darf endlich seine Version von Mary Shelleys legendärem Horror-Meisterwerk „Frankenstein, or The Modern Prometheus“ verwirklichen. Eine bildgewaltige Elegie, nominiert für neun Oscars.

© 2025 Netflix. Alle Rechte vorbehalten.

Bei „Frankenstein“ stellt man sich zwangsläufig immer folgende Frage: wer ist hier wirklich das Monster? Ist es der größenwahnsinnige und von seinen eigenen Gelüsten und Schöpferkomplexen umnebelte Victor Frankenstein, oder der von ihm aus Versatzstücken aus Leichenteilen zusammengesetzte Körper, dem er neues, und anscheinend ewiges Leben einhaucht? Diese Frage steht auch im Zentrum dieser neuen Version des unzählige Male durchdeklinierten Horror-Romans. Guillermo del Toro, der bekannterweise ein großes Faible für farbenprächtige und nach außen hin furchteinflößend wirkende Kreaturen hat, nur um ihnen dann etwas wirklich Menschliches mitzugeben, fügt jetzt eine weitere Verfilmung hinzu. Schon mit seinem poetischen Meisterwerk „The Shape of Water“ (2017) bewies er eine ungemeine Stilsicherheit, und er gewann dafür zwei der vier Oscars in jenem Jahr als Produzent und Regisseur. Dass sich del Toro seit jeher von Mary Shelleys unvergänglichem Klassiker inspirieren ließ, dürfte also an dieser Stelle nicht mehr sonderlich überraschen.

Einer der Beweggründe, warum er sich nach über drei Jahrzehnten als visionärer Geschichtenerzähler nun endlich der Wurzel seiner Faszination annimmt, war der Wunsch, der Figur des „Monsters“ ihre tragische Dimension zu geben, die so viele Verfilmungen bislang vermissen ließen. Del Toro verweist dabei gut und gerne auf Kenneth Branaghs Version aus dem Jahr 1994, deren ursprüngliches Drehbuch von Frank Darabont, das dann entscheidend umgeschrieben wurde, viel Potenzial enthielt, das das fertige Produkt dann nicht mehr beinhaltete. Wenn der blinde Mann in einem ruhigen Moment dem „Monster“ John Milton zu lesen gibt, dann versteht man ziemlich gut, wie das Paradoxon, nämlich dass wir keinen Einfluss auf unsere Geburt haben, aber sehr wohl auf unser Ableben, funktioniert. Warum schenkt man uns das Leben, wenn es uns dann, irgendwann, wieder weggenommen wird? So wird das Unterfangen Victors, den Tod nicht nur aufzuhalten, sondern vollständig zu eliminieren, ein verzweifelter, ja zum Scheitern verurteilter Drang nach menschlicher Perfektion, aus der, ironischerweise, etwas nach außen hin vielleicht Abstoßendes entsteht, das in seinem Inneren aber nichtsdestotrotz mit einem verletzlichen menschlichen Kern ausgestattet ist.

© 2025 Netflix. Alle Rechte vorbehalten.

Weil Victor als Kind (Owen Cooper aus „Adolescence„) mit ansehen muss, wie seine Mutter während der Schwangerschaft seines jüngeren Bruders William stirbt, und sein distanzierter Vater (Charles Dance) kaum Empathie und Mitgefühl für seinen Sohn aufbringt, löst das seine lebenslange Passion aus – den Tod zu überlisten. Aber was bleibt, wenn man zu ewigem Leben befugt ist, noch? Wenn alle, die einem lieb und teuer sind, früher oder später von einem gehen? Und wie menschlich bleibt das „Monster“ mit einer intakten, ja unzerstörbaren Körperhülle, in der ein starkes Herz verborgen liegt? Man kann viel zwischen den Zeilen herauslesen, wenn man sich mit diesem Schöpfungsmythos auseinandersetzt, und nach den zweieinhalb Stunden, die man mit Victor (Oscar Isaac) und seiner Schöpfung (Jacob Elordi) verbringt, eröffnen sich einem viele mögliche Denkweisen.

Ja, Victor mag das wahre „Monster“ sein, nicht nur wegen seiner zunächst edelmütigen Motive – die des ewigen Lebens – die ins Sinistre abdriften, sondern auch wegen seiner Obsession mit Elizabeth (Mia Goth), der Verlobten von William (Felix Kammerer). Wie aber auch bei der „Kreatur“ lässt del Toro auch Victor seine Grauzonen. Fühlt man mit ihm mit, wenn er seine Schöpfung als Sohn bezeichnet und um Vergebung bittet? Jein. Isaac stattet seine Figur mit genug Charisma aus, dass man ihm auf sein verwegenes Unterfangen folgt, doch spätestens wenn del Toro in der zweiten Filmhälfte die Erzählperspektive wechselt und Victor zur Nebenfigur in der Geschichte der „Kreatur“ macht, erkennt man das ganze Ausmaß seiner Ignoranz. Wenn die „Kreatur“ endlich nicht mehr nur „Victor“ sagt, sondern „Elizabeth“, und der eifersüchtige und geltungssüchtige Victor sein Schloss in die Luft jagt, ist die Wandlung vom Antihelden zum unsympathischen Antagonisten vollzogen.

© 2025 Netflix. Alle Rechte vorbehalten.

Die größte schauspielerische Herausforderung in diesem Projekt hat zweifellos Jacob Elordi inne. Nicht nur, dass er fast gänzlich unkenntlich gemacht ist unter Bergen von bemerkenswertem Make-Up, so muss er auch eine erstaunliche Wandlung glaubhaft darstellen, die ihn von einem primitiven Versuchsobjekt hin zu einem mitfühlenden und sogar rachsüchtigen Menschen führt. Ihm gelingen viele emotionale Momente, besonders im Zusammenspiel mit Veteran David Bradley, der einen blinden alten Mann spielt, der in der „Kreatur“ den Wunsch nach Freundschaft weckt. Generell sind alle Rollen im Film, besonders jene von Victors Gönner Henrich Harlander, den Christoph Waltz mit seiner typischen Eloquenz und Souveränität spielt, perfekt besetzt. Technisch bewegt sich der Film, wie eigentlich alle von del Toro, auf einem erstklassigen Niveau. Prunkvolle Sets, farbenprächtige Kostüme und karge Landschaften, werden von der virtuosen Kamera von Dan Laustsen eingefangen. All das wird von dem französischen Starkomponisten Alexandre Desplat mit einem wunderbar akzentuierten Score untermalt, der diese „Netflix“-Produktion (!) zu einem filmischen Augenschmaus werden lässt, der eigentlich auf eine großen Leinwand projiziert werden sollte.

So bleibt unterm Strich ein atmosphärisches Melodram, das die Menschlichkeit im Anderssein zelebriert, und dank seiner überzeugenden Performances, angeführt von Elordi, der langen Liste an Shelley-Verfilmungen eine herausragende und für künftige Generationen beispielhafte Version hinzufügt.

Wertung: dreieinhalb von vier Sternen!

Trailer:

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