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Wenn eine Posse brutaler Cowboys eine amerikanische Kleinstadt in den 1880er Jahren terrorisiert, können nur Wyatt Earp und seine Leute dagegenhalten. Mittendrin: ein unvergesslicher Val Kilmer in seiner besten Rolle.

Es ist immer schade, wenn man die beste Arbeit eines Künstlers erst dann zu würdigen weiß, wenn besagter Künstler nicht mehr unter uns weilt. Im Falle von Val Kilmer, der 65jährig am 1. April 2025 in Folge einer Lungenentzündung nach einem langen Kampf gegen Kehlkopfkrebs starb, trifft dies auf jeden Fall zu. Klar, man kennt ihn aus solch großen Blockbuster-Produktionen wie den beiden „Top Gun“-Filmen (1986 und zuletzt 2022), Joel Schumachers umstrittenen „Batman Forever“ (1995) und Michael Manns im gleichen Jahr erschienenen Crime-Thriller-Meisterstück „Heat“, in dem es Kilmer sogar neben den beiden Schauspiellegenden Al Pacino und Robert de Niro auch aufs Filmposter geschafft hat. Aber es ist seine Rolle als legendärer Revolverheld Doc Holliday im kantigen Western „Tombstone“, die das gewisse Etwas in sich trägt. Trotz schwieriger Produktionsbedingungen ist der Film von Drehbuchautor Kevin Jarre und Regisseur George P. Cosmatos ein würdiger Genrevertreter, der Westernfans all das bietet, was man erwartet, inklusive kurzem Gastauftritt von Legende Charlton Heston, noch bevor er sein Vermächtnis als Präsident der einflussreichen amerikanischen Waffenlobby nachhaltig anpatzt.

© 1993 Buena Vista International, Hollywood Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Tombstone“ erschien zu einer Zeit, als der Western, nach Jahrzehnten durchwachsener Erfolge, wieder salonfähig geworden war. „Dances with Wolves“ von Kevin Costner hatte erst drei Jahre zuvor die Oscar-Verleihung dominiert und hat auch dank seiner sympathischen Darstellung des Sioux-Stammes neues Leben in die Gattung der Pferde- und Pistolenopern eingehaucht. 1992 demontierte dann Clint Eastwood mit „Unforgiven“ den Heldenmythos des einsamen Revolverhelden. Und innerhalb von nur wenigen Monaten starteten 1993/94 gleich zwei Filme über den legendären Gesetzeshüter Wyatt Earp in den Kinos. Lawrence Kasdans Biografie mit Kevin Costner in der Titelrolle, der sechs Monate nach „Tombstone“ herauskam, war wesentlich aufwendiger und prominenter besetzt als sein Konkurrent, hatte dafür aber auch eine wesentlich größere Fallhöhe. Im direkten Vergleich zwischen den beiden Filmen liegt „Tombstone“ jedenfalls um einige Pferdelängen vorne.

Wyatt Earp (Kurt Russell) lässt sich 1882 mit seiner Frau Mattie (Dana Wheeler-Nicholson) und seinen beiden Brüdern Virgil (Sam Elliott) und Morgan (Bill Paxton) in der Kleinstadt Tombstone in Arizona nieder, wo der einstige Friedensoffizier mit seiner Familie eine ruhige Kugel zu schieben gedenkt. Bald verliebt er sich in die Schauspielerin Josephine (Dana Delany). Das eigentlich friedfertige Idyll in den staubigen Weiten wird jedoch von einer aufrührerischen und äußerst brutalen Cowboy-Gang gestört, die vom sadistischen „Curly Bill“ (Powers Boothe) und seinem loyalen Handlanger Johnny Ringo (Michael Biehn) angeführt wird. Die Brüder Earp und ihr schwer an Tuberkulose erkrankter Freund, Revolverheld Doc Holliday (Val Kilmer), der seine Zeit lieber mit Alkohol und tagelangen Glücksspielen verbringen will, sehen sich gezwungen, einzugreifen und den Cowboys Paroli zu bieten.

© 1993 Buena Vista International, Hollywood Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Drehbuchautor Jarre sollte ursprünglich auch die Regie übernehmen, war dann aber von seiner Aufgabe so überwältigt – es wäre sein Regiedebüt gewesen – dass er die gesamte Produktion in Verzug brachte und obendrein ständig mit Kurt Russell aneinandergeriet. Wie viel vom fertigen Film denn letztendlich von Ersatzregisseur Cosmatos und wie viel von Russell selbst inszeniert wurde, darüber wird bis heute gemunkelt, dass der Hauptdarsteller großen Einfluss auf „Tombstone“ genommen hatte, ist hingegen unbestritten.

Das erklärt zum Teil auch, warum die Nebenfiguren im Film mehr ins Hintertreffen geraten, während Russells Earp und Kilmers Holliday sich die eingängigen Momente quasi untereinander aufteilen. Dass die augenscheinlich Guten einfach nur gutes tun, und die Bösen eben böses, weil es die Konventionen des Geschichtenerzählens nun einmal voraussetzen, kann man hier getrost hinnehmen, denn der Western schert sich in der Regel nicht um besonders tiefe Charakterzeichnung. Niemanden würde es besonders interessieren, was Clint Eastwoods namenloser Protagonist in Sergio Leones „Dollar“-Trilogie zum Frühstück isst und warum er eigentlich immer mit einem Poncho durch die Gegend reitet. Trotzdem ist es einigermaßen schade, nicht mehr von Charakterköpfen wie Sam Elliott und Bill Paxton zu sehen. Überhaupt ist der Film auch etwas zu überladen, was die Anzahl an Charaktere angeht, besonders auf Seiten der bösen Cowboys. Mal ist es Curly Bill (Powers Boothe), mal ist es Johnny Ringo (Michael Biehn), mal ist es Stephen Langs Ike Clanton, der den Brüdern und Doc das Leben schwer macht.

© 1993 Buena Vista International, Hollywood Pictures. Alle Rechte vorbehalten.

Trotz alledem ist „Tombstone“ ein ungemein unterhaltsamer, weil kurzweiliger Western. Packend inszeniert, imposant bebildert, mit kantigen Kerlen, die sich schmissige Einzeiler hin- und herwerfen dürfen, einmal sogar auf Latein. Und während Kurt Russell seine typische Leinwandpräsenz auffährt, die in jedem anderen Projekt eine konkurrenzlose Coolness besitzt, wird er hier von einem grandiosen Val Kilmer übertrumpft. Er schwitzt, trinkt, spielt sich hier in einen Rausch, dem man einfach nur fasziniert beiwohnen möchte. Sein Doc Holliday geht über die Stereotypen des trinkfesten und exzentrischen Revolverhelden mit akzentuiertem Südstaatenslang hinaus, und obwohl er eigentlich nur als Sidekick von Wyatt Earp agiert, reißt er die Show in seinen Szenen mühelos an sich. Gute Western leben von unverkennbaren Charakteren, und Kilmer schuf hier einen besonders eindrücklichen.

Eine bleihaltige Perle für Genrefans, die über zwei Stunden dank seiner spielfreudigen Stars, allen voran der Szenen stehlende Val Kilmer, mitreißend unterhält. Ein Highlight in einer leider zu kurz geratenen Karriere eines talentierten Charakterdarstellers. Danke, Val.

Trailer:

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