Kaum ein Film wird seit seiner Veröffentlichung vor einem Vierteljahrhundert hitziger und kontroverser diskutiert als David Finchers aufsehenerregende Verfilmung des Romans von Chuck Palahniuk. Eine kritische Auseinandersetzung.

Das Jahr 1999 hat filmgeschichtlich einige bedeutende Ereignisse hervorgebracht. Der Verlust eines der größten Filmschaffenden aller Zeiten (Stanley Kubrick), die Rückkehr des populärsten Filmfranchises der Geschichte („Star Wars: Episode I – The Phantom Menace“) und ein auf Anhieb kultverdächtiger Cyberpunk-Mindfuck zweier visionärer Regie-Geschwister („The Matrix“ der Wachowskis). Und das ist nur die Spitze des Eisbergs: in diesem Jahr gab es fast schon zu viel, worüber man lang und breit diskutieren könnte. Zu diesem Anlass komme ich aber auf einen Film zu sprechen, in dem wortwörtlich verboten wird, darüber zu sprechen. Hier handelt es sich natürlich um David Finchers subversiven Thriller „Fight Club“, der zum Zeitpunkt seines Erscheinens lang und breit analysiert und kritisiert wurde – das wird er bis heute. Im Rahmen der Filmfestspiele von Venedig im September 1999 uraufgeführt, konnte der für 63 Millionen Dollar verhältnismäßig teuer produzierte Film keinen großen Gewinn erzielen. Auch die Kritiker waren großteils gespalten, wenn nicht sogar ablehnend. Aber wie so viele Filme, die zunächst missverstanden und verpönt wurden, hat sich auch „Fight Club“ bewährt. Nicht nur das, heute genießt der Film absoluten Kultstatus und wird immer wieder als Finchers „Magnum Opus“ angesehen.
Die Handlung folgt einem namenlosen Erzähler (Edward Norton), der immer wieder im Laufe der Handlung von sich als „Jacks Irgendwas“, z.B. „Jacks Medulla Oblongata“ spricht. Er hat einen biederen Bürojob, eine schick und hochwertig eingerichtete Wohnung, kann aber partout nicht schlafen. Von seinem verständnislosen Hausarzt wird ihm der Besuch einer Selbsthilfegruppe empfohlen, um zu sehen, was wirklich leiden heißt. Dort trifft er die gleichsam verkorkste Marla (Helena Bonham Carter), die er für ihre ebenso gespielte Hypochondrie verabscheut. Kurze Zeit später lernt der Erzähler auf einem dienstlichen Flug den charismatischen und faszinierenden Seifenverkäufer Tyler Durden (Brad Pitt) kennen, der ihn bei sich aufnimmt, nachdem seine Wohnung explodiert. Nach einer zum Spaß angeregten Schlägerei gründen die zwei Männer den „Fight Club“, eine geheim operierende Gruppe, die sich regelmäßig in staubigen Kellern zu brutalen Faustkämpfen trifft. Als Tyler dann beginnt, Mitglieder des Clubs für einige Terroranschläge zu rekrutieren, droht das ganze Unterfangen außer Kontrolle zu geraten.

Ein Grund, warum der Film seinerzeit an den Kinokassen unterging, war die katastrophale Marketingstrategie von „20th Century Fox“. Zugegeben, sie hatten auch einen schwierigen Job, denn „Fight Club“ einigermaßen erfolgreich zu vermarkten, ohne den Film zu spoilern oder als etwas zu verkaufen, was er schlicht nicht ist, war durchaus schwierig. Immerhin brachten es die Poster, die zum Film angefertigt wurden, zu enormer Popularität und sind seitdem aus vielen WG-Wänden nicht mehr wegzudenken. Aber dass Finchers Werk weitaus mehr ist als nur ein weiteres filmisches Prügelfest, ging so in der Übersetzung verloren.
Nortons Erzählerfigur ist ein desillusionierter Kohorte der „Generation X“, den Fincher gerne mit Dustin Hoffmans „Baby Boomer“ Ben Braddock aus „The Graduate“ (1967) vergleicht, indem er den Protagonisten als Gegenentwurf zum hoffnungsvollen, aber orientierungslosen Ben entwickelt. „Fight Club“ wird auch oft mit Nicholas Rays klassischem Jugenddrama „Rebel Without a Cause“ (1955) mit James Dean und Natalie Wood verglichen, in dem Deans Jim Stark auf Unverständnis seitens seiner Eltern und seiner Mitschüler stößt. Hier findet der Erzähler keine Erfüllung in dem ökonomisch gesicherten Job und der nach seinen illusorischen Vorstellungen mit Designermöbeln eingerichteten Wohnung. Er sieht sich vielmehr als Opfer des modernen Kapitalismus, der ihn zum Konsum zwingt. Der rebellische Tyler wiederum symbolisiert den nihilistischen Gegenpol, indem er den Erzähler aus seiner lethargischen Umgebung reißt, den Kampfgeist in ihm weckt und den ihm indoktrinierten Wertekodex ablehnt. Der Kontrast zwischen seiner kühlen, lieblos eingerichteten Wohnung und dem dreckigen, heruntergekommenen und marodierenden Haus, in das er mit Tyler zieht, könnte nicht offensichtlicher sein. Dass Tylers Rebellion gegen das Establishment über den Verzicht auf übermäßigen Konsum hinausgeht und auf einen Umsturz der sich immer mehr überschuldenden Gesellschaft zielt, wird von vielen Kritikern als faschistisch oder sozialistisch interpretiert. Manche Rezensenten gehen sogar so weit, die Herstellung der Seife, mit der Tyler sein Geld verdient, durch die Entwendung von überschüssigem menschlichen Fett aus einer Schönheitsklinik, mit dem Holocaust zu vergleichen, der sogar den legendären Twist aus „Soylent Green“ (1973) – in einer übervölkerten Dystopie werden Menschen mit verarbeitetem Plankton aus verstorbenen Menschen ernährt – in den Schatten stellen soll.

Was ebenfalls bemerkenswert ist, ist die Dekonstruktion gängiger Männlichkeitsideale, besonders veranschaulicht an der Figur Bob (Meat Loaf), dessen Körper durch den Missbrauch von Steroiden stark übergewichtig ist und zudem mit weiblich anmutenden Brüsten ausgestattet ist. Dass gerade er zu einem wichtigen Teil des Clubs und des späteren Projekts wird, macht die Kritik an der überzogenen Maskulinität umso ironischer. Ihre Zufriedenheit und ihr Glück holen sich die Männer statt in Warenkatalogen in dreckigen Räumen mit blanken Fäusten, während die einzige Frauenfigur, Marla, zumindest von Tyler, erst als wünschenswertes Objekt, dann als nicht mehr tragbares Wegwerfmodell, so hart das auch formuliert ist, angesehen wird.
Man muss „Fight Club“, besonders wenn man ihn näher analysiert, sehr viel kritischer und reflektierter betrachten. Ihn als maskulines Faustspektakel und subversiven Anti-Establishment-Weckruf zu deuten, greift zu kurz. Weil er aber nun einmal sehr stylisch und mit einer einzigartigen Ästhetik inszeniert ist, noch dazu untermalt von einem minimalistischen elektronischen Score der „Dust Brothers“, wird das gerne mal vergessen – oder schlimmer noch – verdrängt. Dass der Film sehr viele, auch namhafte, Kritiker zu teils harschen Rezensionen animierte, u.a. etwa Rex Reed vom „New York Observer“, Kenneth Turan von der „Los Angeles Times“ und the one and only Roger Ebert – was Fincher, Norton und Pitt genüsslich bei einer überaus maskulin aufgebauschten Preisverleihung zum zehnjährigen Jubiläum des Films 2009 zelebrierten – sollte nicht zum Anlass genommen werden, „Fight Club“ und seinen Kultstatus vehementer zu verteidigen als man es ohnehin schon tut, sondern sich mit der Tragweite des kulturellen und gesellschaftlichen Diskurses, der um ihn herum geführt wurde und nach wie vor wird, auseinanderzusetzen. Es ist in jedem Fall ein Film, der sehr viel Reflexionspotenzial in sich birgt, was seinen Status als meisterlicher Kommentar zum gesellschaftlichen Status Quo untermauert.

Von einem technischen und schauspielerischen Standpunkt ist der Film jedoch über jeden Zweifel erhaben, wobei hier besonders Pitt in seiner düstersten Rolle besticht. Finchers ästhetischer Flair erreicht hier seinen Höhepunkt. Wenn Edward Norton und Helena Bonham Carter in der inzwischen legendären letzten Einstellung des Films zu den Klängen von „Where Is My Mind?“ der „Pixies“ fasziniert dabei zuschauen, wie Hochhäuser in der dunkelblauen, kühlen Nacht wie Kartenhäuser einstürzen, dann ist es ein poetischer, wenn auch zynischer Schlussakkord für ein provokatives und tiefgründiges Werk, wie man es so nur sehr selten – vielleicht einmal pro Generation – vorgesetzt bekommt.
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