Skip to main content

Vier Schauspieler, ein Restaurant mitten im Nirgendwo: Querkopf Quentin Dupieux lässt in seiner verschrobenen Komödie die Metaebenen miteinander verschmelzen

Quentin Dupieux hat sich in den letzten Jahren zu so etwas wie einem Publikumsliebling auf Filmfestivals etabliert. Erstmals auf sich aufmerksam machte der Franzose aber bereits vor einem Vierteljahrhundert, damals unter seinem Pseudonym „Mr. Oizo“. Eine Reihe von Werbespots für „Levi’s“ mit der knallgelben Puppe „Flat Eric“, die zu einem infektiösen Technobeat mit dem Kopf nickt, brachte es auch hierzulande zu enormer Popularität und sogar einem Nummer-eins-Hit. Musikalisch mag Dupieux ein One-Hit-Wonder geblieben sein, als Filmemacher hat er später eine beachtenswerte Karriere hingelegt. Seit seinem Regiedebüt 2001 mit „Nonfilm“ hat er insgesamt 14 Filme in seiner Vita stehen. Eines seiner Markenzeichen sind die ungewöhnlich kurzen Laufzeiten, die zwischen 67 und 94 Minuten liegen und daher wenig Sitzfleisch für sich beanspruchen. Seine ökonomische Erzählzeit füllt Dupieux aber auch mitunter mit äußerst Ungewöhnlichem: ich denke dabei vor allem an seinen experimentellen Film „Rubber“, ein Horrorfilm, in dem ein Autoreifen (!) ein mörderisches Eigenleben entwickelt. Ich hatte auf der Viennale 2019 die Gelegenheit, Dupieuxs einzigartigen schwarzen Humor auf der großen Leinwand zu erleben, als ich mir zu guter Mittagsstunde seinen Film „Le Daim“ anschaute, der im deutschsprachigen Raum unter dem merkwürdigen Titel „Monsieur Killerstyle“ firmiert: darin legt sich der französische Oscar-Preisträger Jean Dujardin („The Artist“) eine schicke Wildlederjacke zu, die im Verlauf des Films mit ihm spricht und ihn unverblümt auffordert, alle Menschen, die ebenfalls eine solche Jacke besitzen, ausfindig zu machen, zu liquidieren und deren Jacken verschwinden zu lassen – all das in sportlichen 77 Minuten mit einem abrupten und sehr überraschenden Ende.

© 2024 Le deuxième acte, The Second Act, Quentin Dupieux, Frankreich 2024, V’24 Features

Das bringt mich nun zu seinem neuesten Werk, mit dem er in diesem Jahr die Filmfestspiele von Cannes eröffnen durfte. Da ich es mir auf die Fahnen geschrieben habe, Filme nach Möglichkeit nicht zu spoilern, um die Überraschung und den Zauber, der von Filmen ausgeht, nicht vorwegzunehmen und zu ruinieren, will ich auf die inhaltlichen Aspekte von „Le Deuxième Acte“ gar nicht groß eingehen. Léa Seydoux, wie immer mit einer tollen Präsenz, spielt Florence, die sehr in ihren Freund David verliebt ist, der von Louis Garrel porträtiert wird. Sie will ihn daher auch unbedingt ihrem Vater Guillaume (Vincent Lindon) vorstellen, und verabredet sich mit ihm in einem Restaurant mitten in der Pampa. Weil David aber gar nicht in Florence verliebt ist und ihm ihre hartnäckigen Avancen auf Dauer zu viel werden, nimmt er seinen besten Freund Willy (Raphaël Quenard) mit, in der Hoffnung, Florence an ihn loszuwerden. Und dann ist da noch der Kellner Stéphane (Manuel Guillot).

© 2024. Le deuxième acte, The Second Act, Quentin Dupieux, Frankreich 2024, V’24 Features

Wenn man sich in einen Quentin Dupieux-Film setzt, kommt schon einmal eine gewisse Erwartungshaltung mit einher, die er sich über die Jahre mit seinen gegen den Strich erzählten Werken erarbeitet hat. Das beginnt schon in der ersten Einstellung. Wenn dann die Hauptfiguren die Szenerie betreten, weicht die Erwartungshaltung einem geduldigen Zuhören der Dialoge, die schnell eine andere Dimension des Gezeigten erschließen. Das mag auf Anhieb sehr witzig, selbstironisch und vor allem unkonventionell wirken, verwässert sich dann aber zunehmend, je länger die Plansequenz dauert. Wenn alle Akteure dann endlich einmal aufeinandertreffen, hat sich der Effekt längst verpufft, und Dupieux muss sich gänzlich auf seine Schauspieler verlassen, die die absurde Prämisse mit ihrem ganzen Können über die Zeit tragen. Das gelingt Seydoux, Lindon, Garrel und Quenard wie auch Guillot, sehr gut. Das Spiel mit den Metaebenen, das Dupieux hier aufzieht, ist überaus ansprechend angedacht und gut umgesetzt, und mit dem zusätzlichen Element der Künstlichen Intelligenz – das mittlerweile, besonders in Filmen, allgegenwärtig ist – mit Aktualität besetzt. „Le Deuxième Acte“ wirkt trotz seiner schlanken 80 Minuten stellenweise sehr behäbig und tritt auf der Stelle.

Nicht das subversive Meisterwerk, das Dupieux vielleicht im Sinn gehabt haben dürfte, aber von gut aufgelegten und herrlich selbstironischen Schauspielstars getragen, ist „Le Deuxième Acte“ ein kurzweiliges Vergnügen, für das man durchaus 80 Minuten Lebenszeit aufbringen kann – viel mehr wird dieser Film aber sehr wahrscheinlich nicht beanspruchen.

Wertung: zweieinhalb von vier Sternen!

Trailer:

Kommentar verfassen

Entdecke mehr von Manuel Stephan

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen