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Ein virtuos durchkomponierter Musical-Rausch der Pop-Legenden Sparks mit Adam Driver, Marion Cotillard und Simon Helberg

Dass uns mit „Annette“ alles andere als ein gewöhnliches Filmerlebnis erwartet, zeigt bereits die Eröffnungssequenz, in der Regisseur Leos Carax, die Drehbuchautoren und Komponisten Ron und Russell Mael alias „Sparks“ sowie der Cast die Grenzen der vierten Wand durchbrechen und das Publikum auf einen abgefahrenen Trip einstimmen. Und tatsächlich bildet die Nummer „So May We Start“, ein eingänglicher Ohrwurm, den selbstreferenziellen Auftakt zu einer 140minütigen Rock-Oper, wie man sie seit den 1970er Jahren, als Musicals wie die „Rocky Horror Picture Show“ (1975), „Lisztomania“ (1975) oder The Who’s „Tommy“ (1975) die Kinosäle dieser Welt zum Mitwippen animiert haben, nicht mehr gesehen hat. „Annette“ funktioniert als modernes Update dieser Filme wie auch als abgründiger und tiefsinniger Gegenentwurf zu den aktuelleren Genrebeiträgen vergangener Jahre, wie etwa „La La Land“ (2016), „The Greatest Showman“ (2017) oder „Mamma Mia“ (2008).

© 2021 Alamode Film / Amazon Studios. Alle Rechte vorbehalten.

Im Zentrum der Geschichte stehen der provokante, zynische und angriffslustige Stand-Up-Comedian Henry McHenry (Adam Driver) und die anmutige, liebreizende Sopranistin Ann Defrasnoux (Marion Cotillard). Die Stationen ihrer turbulenten und nach außen hin märchenhaften Liebesbeziehung werden nach und nach in Form von Sensationsreportagen im Stil von „Entertainment Weekly“ gezeigt. Henry, der stets in einem grünen Bademantel auf der Bühne steht, bereitet sich wie ein wilder Stier auf seine Auftritte vor und auch sonst ist sein Charakter nicht allzu weit von Jake LaMotta, dem „Raging Bull“, den Robert De Niro 1980 in Martin Scorseses gleichnamigen Klassiker gespielt hat, entfernt. Jähzornig, eigensinnig und sich seiner eigenen Obsessionen nie im Klaren. Er heiratet Ann, deren Spezialität es ist, auf der Opernbühne vielumjubelte Tode zu sterben, die von ihrem musikalischen Begleiter und einstigem Geliebten (Simon Helberg), untermalt werden und schon bald bringen die Beiden Nachwuchs zur Welt: ihre Tochter Annette. Das kleine Mädchen ist mit einem besonderen Talent ausgestattet, das Henry zu seinem eigenen Nutzen auszubeuten versucht, wozu ihm jedes erdenkliche Mittel recht ist.

Nahezu komplett durchkomponiert, nimmt Leos Carax, französischer Auteur solcher Filme wie „Die Liebenden von Pont Neuf“ (1991) oder „Holy Motors“ (2012), das Publikum mit auf eine wilde, eindringliche Reise, mal traumhaft schön, mal albtraumhaft grotesk – eine Flut an einprägsamen Bildern. Im Kern ist „Annette“ eine Showbiz-Satire, die den rasanten Aufstieg, aber auch den tiefen Fall Henrys porträtiert. Im Grunde sind alle Menschen in Henrys Leben, Ann, Annette, aber auch der Dirigent, nichts weiter als Marionetten und Statisten in seiner Karriere, denen er keine eigenen Erfolge und Errungenschaften gönnt, was ihn zu einem Sinnbild patriarchaler Machtstrukturen in der Unterhaltungsindustrie macht. Die Ausbeutung und Instrumentalisierung seiner kleinen Tochter hat man schon bei vielen Kinderstars miterlebt. Die Sensationsgier und die zwanghafte Transparenz der Figuren werfen einen dunklen Schatten auf ihren Starkult. Adam Driver wandelt zielsicher auf einem schmalen Grat zwischen verkanntem Genie und ambitioniertem Wahnsinn, was es mit Fortdauer des Films schier unmöglich macht, noch Empathie für ihn entgegenzubringen. Marion Cotillard verleiht ihrer Figur den Anmut und die Verletzlichkeit, die so einer tragischen Figur gebühren, während Simon Helberg, fern von seiner Paraderolle in der Kultsitcom „The Big Bang Theory“, neue schauspielerische Facetten auslotet. Besonders eindrucksvoll präsentiert sich die junge Devyn McDowell als titelgebendes Wundermädchen Annette.

© 2021 Alamode Film / Amazon Studios. Alle Rechte vorbehalten.

Der in Cannes mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnete Film ist ein virtuos inszeniertes musikalisches Kunstwerk voller kultverdächtiger Songs, und auch wenn die kritischen Untertöne der Geschichte oft unter der Wucht der Musicalnummern verloren gehen und der Film besonders ab der zweiten Hälfte zunehmend anstrengend wird, so ist er trotzdem sehr zu empfehlen.

Trailer:

    Dieser Artikel erschien ursprünglich am 26. Oktober 2021 auf www.bohema-wien.com.

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