Die Geschichte eines der grausamsten und berüchtigsten Kriegsverbrecher aller Zeiten. Wie gelang es Josef Mengele, sich Zeit seines Lebens der Justiz und seiner gerechten Strafe zu entziehen?

Der russische Theater-, Opern- und Filmregisseur Kirill Serebrennikow hat sich für seinen neuesten Spielfilm ein sehr heikles und politisch nach wie vor brisantes Thema ausgesucht und sich einer Hauptfigur angenommen, deren bloßer Name bereits Schaudern und Unbehagen auslösen dürfte. Kriegsverbrecher während der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland gab es einige, aber kaum jemand war so perfide, so menschenverachtend, ja so kaltblütig wie Josef Mengele, der von Mai 1943 bis Januar 1945 als Arzt im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau eingesetzt worden war. In dieser Funktion kam es zu einem beispiellosen Machtmissbrauch, denn Mengele selektierte persönlich, welche Häftlinge vergast werden sollten und wer am Leben bleiben durfte. Und selbst die, die überlebten, behandelte er mit unfassbarer Grausamkeit, denn an vielen Patienten unternahm er furchtbare Experimente. Das ist keine Person, mit der man sich auch nur einen Augenblick sympathisieren möchte.
So begibt sich Serebrennikow zwangsläufig auf einem schmalen Grat. Aber er verklärt seinen Protagonisten, gespielt mit ungeheurer Intensität von August Diehl, nicht, auch wenn er versucht, ein wenig Menschlichkeit in Mengele einzuimpfen. Der Film wechselt zwischen mehreren Zeitebenen hin und her: 1956 in der Schweiz, wo er mit seiner Familie verweilt, und von wo aus er nach Argentinien zurückkehrt und 1978, wo er als alter, gebrechlicher und schwerkranker Mann allein und zurückgezogen in Brasilien lebt und seinen Sohn Rolf zu sich holt. Mengele glaubt auch lange nach dem Fall der Nazi-Diktatur unerschütterlich an die NS-Ideologie und hofft auf einen neuerlichen Aufschwung. Die Jahre auf der Flucht haben ihm psychisch schwer zugesetzt, und er vermutet stets Verräter in seinem Umfeld. 1958 heiratet Mengele in Montevideo die Witwe seines verstorbenen Bruders Alois, Martha (Friederike Becht). Als zwei Jahre später Adolf Eichmann vom Mossad in Buenos Aires verhaftet wird, lässt sich Mengele in São Paulo nieder, doch die Ehe hält nicht. Jahre später will Rolf (Max Bretschneider) von seinem Vater die Wahrheit über dessen Handlungen während des Zweiten Weltkriegs wissen.

Basierend auf einem Roman des französischen Schriftstellers Olivier Guez, der dafür umfangreiche Recherchearbeiten unternahm, die die Geschichte Mengeles nach Jahrzehnten des Vermutens zumindest ansatzweise rekonstruierte, inszeniert Serebrennikow ein spannendes und bedrückendes Drama. Der Film ist hauptsächlich in Schwarz-Weiß gedreht, nur die Rückblenden aus seiner Zeit in Auschwitz mit seiner ersten Frau Irene (Dana Herfurth), die ihm Sohn Rolf gebarte, ist in Farbe gehalten. Das illustriert, aus dem Blickwinkel der Hauptfigur, die einzig sorgenfreie und glückliche Zeit im Leben Mengeles. Diese Rückblende, so viel sei an dieser Stelle erwähnt, sind jedoch wahrlich nichts für schwache Nerven, nehmen sie sich in Bezug auf das Grauen des Holocaust nicht zurück. Aber genau so sollte das sein, denn um zu erinnern muss man die Dinge zeigen.
Charakterdarsteller und „Method“-Schauspieler August Diehl gibt eine wahrhaft intensive Performance, in der er tief in die Seele des abgrundtief bösen Naziarztes eintaucht. Seine fehlende Reue, aber der Wunsch nach familiärer Nähe im Alter und die unberechenbare Paranoia und ungebrochene Nazi-Ehre verkörpert Diehl mit einer kühlen Exaktheit, die in einigen Schlüsselmomenten regelrecht unter die Haut geht. Man muss fassungslos mit ansehen, wie dieser Mann noch Jahrzehnte nach seinen unvorstellbaren Verbrechen ein Leben auf freiem Fuß und mit sorgenden Menschen um sich herum führen durfte und nie die juristische Rechenschaft erfahren musste, die ihm ohne den geringsten Zweifel zugestanden hätte. Der Film sollte vielleicht weniger als verklärtes Portrait, sondern vielmehr als Mahnmal betrachtet werden, der eine Person der Geschichte ins Zentrum stellt, die sich ihrer Verantwortung der größten Unmenschlichkeit der Weltgeschichte entzogen hat. Max Bretschneiders Rolf als fragende Instanz gelingt es nicht, zumindest einen Funken Reue aus seinem Vater zu extrahieren.
So bleibt am Ende das Bild eines Verbrechers, der ein Leben im Schatten seiner eigenen Schandtaten verbringen durfte. Die Schuld, die auf ihm lastete, trug er nicht, er stellte sie aus. Sühne gab es überhaupt keine. Eine erschütternde Erinnerung daran, wie wenig Abschluss die Aufarbeitung der Nazi-Gräuel in manchen Fällen erfahren hatte. Und doch kommt man nach dem Anschauen des Films fast zu der Conclusio, dass der Protagonist eigentlich fast eine tragische Figur sein müsste. Aber eben nur fast.
Wertung: dreieinhalb von vier Sternen!
Trailer: