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Richard Linklater schafft der französischen Kinolegende Jean-Luc Godard ein liebevolles, cooles und ästhetisch ansprechendes Filmdenkmal, indem er die Entstehungsgeschichte seines ersten Spielfilms nacherzählt.

© 2025 Polyfilm, ARP Sélection. Alle Rechte vorbehalten.

Als Redakteur und Filmkritiker bei der einflussreichen Zeitschrift „Cahiers du Cinéma“ machte er sich zunächst einen Namen. Als er auf die 30 zugeht und merkt, dass einige seiner Kollegen bereits erste Spielfilmarbeiten vorgelegt haben, bekommt es der junge, rebellische Jean-Luc Godard mit der Torschlusspanik zu tun. Er trägt einen Notizblock voll mit Ideen mit sich herum, doch sein Produzent Georges de Beauregard drängt ihn, erst ein Krimidrama nach wahren Begebenheiten zu inszenieren, bevor er sich an anderen, größeren Projekten probieren darf. Die Story: Michel Portail stahl im November 1952 ein Auto, um seine kranke Mutter zu besuchen und tötete unterwegs einen Motorradpolizisten, weswegen nach ihm gefahndet wurde. Doch Godard hat kein konventionelles Drama im Sinn. Er nimmt die Geschichte, die François Truffaut für ihn entwickelt hat, und macht daraus etwas anderes. Radikal anderes. Das ist die Ausgangsposition anno 1959.

Godard hat wenig Budget zur Verfügung, was heißt, dass er seinen Film, der neunzig Minuten laufen soll, in nur 20 Tagen abdrehen muss. Für die Hauptrolle, nun in Michel Poiccard umbenannt, engagiert er den gutaussehenden Jean-Paul Belmondo (Aubry Dullin), während er die Amerikanerin Jean Seberg (Zoey Deutch) als Patricia, die amerikanische Freundin des Mörders, besetzen will, was diese aber nur auf Drängen ihres Ehemanns François Moreuil (Paolo Luka Noé) annimmt. An nur 18 Tagen  – und nicht einmal an jedem dieser Tage – macht sich der sture, unberechenbare und höchst eigenwillige Godard daran, die Filmgeschichte völlig auf den Kopf zu stellen. Doch der Weg dahin ist schwierig. Er arbeitet ohne vorgefertigtes Skript, dreht zunächst nur ein bis zwei kurze Szenen pro Tag in wenigen Takes, oder lässt die Crew buchstäblich stehen, wenn ihm die Ideen ausgehen oder er sich einfach nicht wohlfühlt. Auf Kontinuität pfeift er ebenfalls wie auf narrative Konventionen, was de Beauregard nicht selten an den Rand des Wahnsinns treibt.

© 2025 Polyfilm, ARP Sélection. Alle Rechte vorbehalten.

Auch Seberg ist mit der nach außen hin amateurhaft und unprofessionell wirkenden Arbeitsweise Godards nicht einverstanden, und auf ihr Drängen hin muss sogar die Schlussszene des Films improvisiert werden. Es ist wahrlich kurzweilig unterhaltsam, diesem Treiben zuzusehen. Ähnlich wie etwa in Tim Burtons ebenfalls in Schwarz-Weiß gedrehter Biografie „Ed Wood“ (1994) über den verlachten und von der Geschichte als schlechtester Regisseur aller Zeiten betitelten B-Filmemacher oder James Francos aberwitziger Verfilmung von Greg Sesteros in Buchform veröffentlichten Erinnerungen an die chaotische Produktion von Tommy Wiseaus Kultfilm „The Room“ (2003) mit dem passenden Titel „The Disaster Artist“ (2019). Auch hier, in „Nouvelle Vague“, sieht es eigentlich danach aus, als ob alles schieflaufen müsste. Viel vom Situationshumor resultiert aus den verblüfften und entnervten Reaktionen der Schauspieler und Crewmitglieder, darunter Kameramann Raoul Coutard (Matthieu Penchinat), Regieassistent Pierre Rissient (Benjamin Clery) oder Scriptgirl Suzon Faye (Pauline Belle). Aber weil wir wissen, wie die Geschichte ausgeht, ist es umso faszinierender, wie ein solcher Querkopf, der zu jeder Tages- und Nachtzeit eine Sonnenbrille trägt, mit diesem Projekt reüssieren konnte.

Linklater, der hier erstmals auf Französisch drehte – mit einigen englischen Dialogzeilen für Jean Seberg – verbeugt sich tief vor Godard, indem er ihn nicht nur als coolen, unangepassten und grenzgenialen Filmemacher portraitiert, sondern gleich dem Stil der „Nouvelle Vague“ der frühen 1960er Jahre treu blieb. Der Film scheint wie aus der Zeit gefallen, was er sich vielleicht auch von David Fincher abgeschaut hat, als der 2020 sein Herman Mankiewicz-Biopic „Mank“ ganz im Stil der frühen 1940er Jahre inszenierte. So fängt Linklater viel von der Coolness, die diese französischen Revoluzzer des Kinos definierte, ein. Unzählige dieser historischen Figuren tauchen in „Nouvelle Vague“ kurz auf, wenn auch nur, im kurz erwähnt zu werden und einen filmhistorischen Kontext zu schaffen. Oder Linklater wollte einfach nur angeben, was sein Detailwissen über die französische Filmindustrie der 1960er Jahre angeht. Das überlädt den Film narrativ fast schon, denn wer nicht mit dieser Periode der Filmgeschichte vertraut ist, oder noch nicht allzu viel davon gehört hat, könnte von der Last der Exposition fast erdrückt werden.

© 2025 Polyfilm, ARP Sélection. Alle Rechte vorbehalten.

Es reicht aber dennoch, sich auf die Crew von „À bout de souffle“ zu konzentrieren, denn diese „Band of Misfits“ teilt eine wirklich charmante Chemie miteinander. Jeder Schauspieler ist für seine Rolle sowohl optisch als auch charakterlich gut besetzt, wobei mir natürlich Guillaume Marbeck als Godard am besten gefallen hat, der, mit Sonnenbrille, eine dem Original gerecht werdende Aura ausstrahlt. Auch Zoey Deutch als einzige Amerikanerin im ansonsten französischen Cast spielt ihren Part mit Anmut und Grazie.

Linklaters Verbeugung vor den französischen Rebellen des Kinos, die auch den Weg für seine Karriere als Independent-Regisseurs ein Stück weit mit geebnet haben, ist eine stylische Zeitreise in eine beschwingte Zeit der Filmgeschichte. Aber es ist vor allem auch eine Liebeserklärung an das Filmemachen selbst, und eine Erinnerung daran, dass auch mit wenigen Mitteln und einer radikalen Vision Großartiges schaffen kann.

Wertung: vier von vier Sternen!

Trailer:

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