Bildgewaltiges, melancholisches und grenzenlos visionäres Spätwerk einer lebenden Anime-Legende
Vor zehn Jahren noch verkündete Hayao Miyazaki, gerne mal verächtlich der japanische Walt Disney genannt, seine überaus erfolgreiche Karriere beenden zu wollen. Mit „Wie der Wind sich hebt“ schien er auch mit einem großen Streich von der internationalen Filmbühne abzutreten. Doch begnadete Fans von Miyazaki hatten schon damals nicht damit spekuliert, dass das wirklich sein letztes Werk bleiben würde, und wurden bereits 2016 in diesem Ansinnen bestätigt. Denn da schon soll er mit der Arbeit an „Der Junge und der Reiher“ begonnen haben. Anfang 2023 verkündete „Studio Ghibli“, sein Haus- und Hofstudio, schließlich die Fertigstellung und den bevorstehenden Kinostart des Films in Japan im Sommer desselben Jahres – gänzlich ohne Promotion oder andere vorgefertigte Informationen zu Miyazakis ohnehin schon mythenumranktem Film. Nach einer überaus erfolgreichen Kinoauswertung in seinem Heimatland, einigen Festivalscreenings, unter anderem auch auf der Viennale 2023, findet dieses phantastische, gefühlvolle Melodram hierzulande nun endlich seinen Weg in den regulären Kinobetrieb.

Miyazaki erzählt eine semi-autobiographische Geschichte, lose inspiriert von seiner eigenen Kindheit. Der zwölfjährige Mahito muss während des Zweiten Weltkriegs hilflos mitansehen, wie seine Mutter bei einem verheerenden Brand in der örtlichen Klinik ums Leben kommt. Sein Vater Shoichi, Leiter einer Munitionsfabrik, heiratet bald Mahitos Tante Natsuko und zieht mit ihnen auf ein Anwesen mit einem angrenzenden mystischen Wald, in dem ein mysteriöser Turm steht. Bald schon wird Mahito von einem seltsamen Graureiher aufgesucht, der behauptet, dass seine Mutter noch lebt und er mit ihm in den Turm kommen muss. Wenig später verschwindet Natsuko ins Innere des Turms, sodass Mahito sich auf eine schicksalhafte, märchenhafte, ja surreale Reise begeben muss, die ihn nicht nur mit seiner Vergangenheit konfrontiert, sondern sein ganzes Leben prägen wird.

Wer sich, wie ich, nicht allzu sehr mit der eigentlichen Handlung des Films auseinandersetzt und sich stattdessen voll und ganz audiovisuell auf die in prachtvollen Bildern erzählte Reise einlässt, wird mit einer hochemotionalen, reich an Bedeutung aufgeladenen Filmerfahrung belohnt, die in den besonders intensiven Momenten ans Herz geht. Miyazaki kreiert hier eine Poesie, zwischen Diesseits und Jenseits angesiedelt, die eine kluge Reflexion über wichtige familiäre Beziehungen anbietet. Ähnlich wie dies bereits Guillermo del Toro in seinem gefeierten und preisgekrönten Fantasy-Drama „Pan’s Labyrinth“ (2006) bewerkstelligt hat, charakterisiert Miyazaki Mahitos Reise mit visuell einprägsamen Figuren und imposanten Schauwerten. Anders als bei del Toros Film jedoch, der bei mir zumindest seltsamerweise keinerlei Gefühlsregungen hervorrufen konnte, was wohl an seiner wenig sympathischen Hauptfigur Ofelia (Ivana Baquero) liegen dürfte, hat mich Mahitos mitreißende Odyssee am Ende doch sehr mitgenommen. Eine solche Resonanz herzustellen ist jedenfalls keine leichte Aufgabe.
Wenn dies denn nun wirklich Miyazakis allerletzter Film gewesen sein soll, den er als Vermächtnis seinen Nachkommen und Scharen begnadeter Fans hinterlassen will, dann ist ihm ein anrührendes, profundes, wenn auch stellenweises etwas überladenes Schlusswerk gelungen.
Wertung: dreieinhalb von vier Sternen!
Trailer: