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Poppiges, grell-buntes, herrlich durchgeknalltes und garantiert nicht für jeden geeignetes Science-Fiction-Märchen mit spielfreudigen Stars

Wer kennt sie nicht, die Geschichte von Frankensteins Monster? Es ist eine der bekanntesten und traditionsreichsten Horror-Geschichten der Weltliteratur, die die Autorin Mary Shelley im frühen 19. Jahrhundert zu Papier brachte und damit ein ganzes Sub-Genre prägte. Verrückte Wissenschaftler, die Gott spielen, sich aus Versatzstücken einen völlig neuen Menschen zusammenbasteln, nur um sich dann erst viel zu spät der Konsequenzen ihres Handelns bewusst zu werden – dann nämlich, wenn sich diese neue Kreatur gegen seinen Schöpfer und/oder die Gesellschaft wendet.

© 2023 Searchlight Pictures, Viennale. Alle Rechte vorbehalten.

In der Filmgeschichte gibt es seit jeher viele Verfilmungen dieses Stoffes, aber auch abgewandelte Variationen davon, man denke dabei z.B. an Tim Burtons berührenden und melancholischen „Edward Scissorhands“ (1990) mit Johnny Depp als ewig traurig dreinblickenden Sonderling mit Scheren, der von seinem Schöpfer, gespielt von Horrorlegende Vincent Price, unvollendet zurückgelassen wird, eines Tages plötzlich in die Gesellschaft hineinkatapultiert wird, sich verliebt, nur um dann wieder verstoßen zu werden. Nur zwei Jahre nach Burtons Kultfilm veröffentlichte dann der schottische Schriftsteller Alasdair Gray seine eigene Version des unkonventionellen Schöpfungsmythos: „Poor Things“. Ein Roman, der besonders beim griechischen Filmemacher Yorgos Lanthimos einen großen Eindruck hinterlassen hat und der es sich zu einer großen Lebensaufgabe gemacht hat, dieses Werk für die große Leinwand zu adaptieren. Nachdem Gray Lanthimos‘ Film „Dogtooth“ (2009) gesehen hatte, wusste er, dass die Geschichte seiner Bella Baxter in gute Hände gelangen würde. Er sollte damit Recht behalten.

Denn das sah auch die Wettbewerbsjury der Internationalen Filmfestspiele von Venedig, angeführt von Damien Chazelle, so und überreichte Lanthimos den Goldenen Löwen für den besten Film der Ausgabe. Die Lobeshymnen endeten aber nicht am Lido, sondern erstrecken sich weit in die Award-Saison hinein, unter anderem auch zu den „Golden Globe Awards“, wo „Poor Things“ als beste Komödie und Emma Stone als beste Darstellerin in einer solchen prämiert wurde. Nominierungen für Oscars sollten damit bereits als gesichert gehandelt werden.

Stone spielt die Hauptfigur Bella Baxter, die, nachdem sie sich hochschwanger in den Tod stürzt, von dem grauenvoll entstellten, aber durch und durch herzensguten Chirurgen Godwin Baxter (Willem Dafoe) – von Bella liebevoll und passenderweise „God“ genannt – dadurch gerettet wird, dass er ihrem erwachsenen Körper das Gehirn ihres Babys einpflanzt. Mit der geistigen, motorischen und kognitiven Erfahrung eines Säuglings lebt sie ein sorgenfreies und von Godwin penibel dokumentiertes Leben in seinem Haus im viktorianischen London. Als Max (Ramy Youssef) als Godwins Assistent einzieht, verliebt er sich schon bald in Bella und macht ihr mit Godwins Einwilligung einen Heiratsantrag, den sie, die Umstände nicht ganz begreifend, annimmt. Als dann der windige und chauvinistische Anwalt Duncan Wedderburn (Mark Ruffalo) Bellas Bekanntschaft macht, überredet der sie, mit ihr die Welt zu bereisen – in der Hoffnung, ihre beginnende sexuelle Entwicklung vollends auszunutzen. Das geht zunächst auch ganz nach seinen Vorstellungen, nur entwickelt Bella schon bald – durch die Begegnungen mit anderen Menschen – ein eigenes Wissen und einen bemerkenswerten Intellekt, der Duncan mit zunehmender Fortdauer ihrer Reise in den Wahnsinn, und Ruin, treibt.

© 2023 Searchlight Pictures, Viennale. Alle Rechte vorbehalten.

Drehbuchautor Tony McNamara bewies bereits mit „The Favourite“ (2018) – den er zusammen mit Deborah Davis schrieb – ebenfalls von Lanthimos und mit Stone, ein Gespür für Dialogwitz und schrägen Charaktermomenten. Und genau diese Qualitäten bringt dieses Team auch in „Poor Things“ mit ein. Von den ersten Minuten an entfaltet sich vor dem Zuschauer ein eigenartiges, aber durchwegs wohliges Gefühl. Robbie Ryans unkonventionelle Kameraführung, die er bereits bei „The Favourite“ anwendete, kreiert Bilder, die aus abstrakten Gemälden entnommen sein könnten. Das Produktionsdesign entführt in faszinierende Welten und gibt der Handlung einige zeitlos anmutende Schauplätze. Stellenweise fühlte ich mich an andere opulent ausgestattete Filme wie etwa Rainer Werner Fassbinders letzten Film „Querelle“ (1982) erinnert.

Apropos Fassbinder: es dürfte dann wohl kein Zufall sein, dass eine seiner größten Musen, die großartige Hanna Schygulla, eine nicht ganz unwichtige Nebenrolle bekleiden darf, nämlich eine Schiffspassagierin, die Bellas intellektuelle Entwicklung maßgeblich voranbringen darf. Damit reiht sie sich in einen groß aufspielenden Cast ein, in dem wirklich jeder und jede Beteiligte sichtlich Spaß an der ganzen Farce hat. Emma Stone gibt ihre mutigste, facettenreichste und körperlich anspruchsvollste Rolle und wirkt, als hätte sie schon ewig darauf hingearbeitet. Mark Ruffalo überzeichnet seinen schmierigen Charakter mit derart viel verweichlichter Theatralik, dass man nicht umhinkommt, Mitleid für ihn zu empfinden, trotz seiner Einfältigkeit. Und Willem Dafoe beweist hier einmal mehr seine schauspielerische Bandbreite als exzentrischer Frankenstein-Surrogat – mal ehrlich, was kann er eigentlich nicht?

Poor Things“ ist ein in über 142 Minuten keinesfalls langweilig oder langatmig geratenes Fantasy-Märchen voll schwarzem Humor und beeindruckenden Bauten, bevölkert von grandios besetzten Charakteren. Ein visionärer Geniestreich, über den sicher noch lange gesprochen werden wird.

Wertung: vier von vier Sternen!

Trailer:

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